Gastwirte über Mehrwertsteuererhöhung „Kein drittes Bier, kein zweiter Wein, kein Nachtisch“

Düsseldorf · Nach der Anhebung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent klagen Gastwirte, dass viele Besucher im Restaurant weniger bestellten als früher. Ein Ökonom betont hingegen, dass sich die Umsätze in einigen Regionen bereits erholt hätten. Für Düsseldorf hat er einen Verdacht.

Ökonom Krause: „Gute ökonomische Argumente dafür, dass man zum alten Steuersatz zurückgekehrt ist“

Ökonom Krause: „Gute ökonomische Argumente dafür, dass man zum alten Steuersatz zurückgekehrt ist“

Foto: dpa/Jens Kalaene

Es war ein Horrorszenario, das der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) im vergangenen Sommer entwarf. Mehr als 12.000 Betriebe müssten dichtmachen, wenn die Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie wieder auf 19 Prozent ansteige, teilte der Verband damals mit. Mit Beginn dieses Jahres kehrte die Politik zum alten Steuersatz zurück. Dreieinhalb Monate später sagt ein Sprecher des Dehoga NRW, dass die Menschen weiterhin gerne ausgingen. Dennoch mache sich eine Zurückhaltung im Konsum bemerkbar.

Was das konkret bedeutet? „Das dritte Bier fällt weg, der zweite Wein oder der Nachtisch“, sagt der Sprecher. Das liegt wohl auch am Preisanstieg: Wie eine jüngst veröffentlichte Dehoga-Umfrage unter Gastronomen und Hoteliers ergab, haben seit Jahresbeginn fast 84 Prozent der Betriebe ihre Preise angehoben. Der Anstieg der Mehrwertsteuer dürfte ein Treiber dieser Entwicklung sein. Dabei betrug der Steuersatz schon vor der Krise 19 Prozent und wurde zur Entlastung der Branche nur vorübergehend gesenkt. Die Ausnahmeregelung wurde wegen der Energiekrise mehrmals verlängert, zuletzt bis Ende 2023.

Aus Sicht von Simon Krause, Ökonom am Münchener Ifo-Institut, gibt es gute Argumente dafür, dass die Regelung nun ausgelaufen ist. „In Zeiten knapper öffentlicher Kassen sind die Haushaltsmittel nicht unerschöpflich“, sagt er. Krause hatte sich mit Kollegen vor einigen Monaten die Situation von Restaurants in ausgewählten deutschen Großstädten angeschaut. Sie betrachteten die Metropolregionen Berlin, München, Hamburg, Stuttgart und Dresden.

Die Forscher zeigten, dass es nicht in allen Regionen schlecht für Gastronomiebetriebe aussieht. „Während die Umsätze bundesweit noch hinter dem Vorkrisenniveau zurückbleiben, wurden sie in einigen Teilen des Landes wieder erreicht oder sogar übertroffen“, sagt Krause. Das trifft zum Beispiel auf die untersuchten Städte zu, in denen die Restaurants inflationsbereinigt deutlich über dem Vorkrisenniveau liegen.

Doch von der Rückkehr der Gäste scheinen nicht alle Betriebe in gleichem Maße zu profitieren. Krause und seine Kollegen vermuten eine dauerhafte Verschiebung der Gastronomieumsätze aus den Innenstädten in die Speckgürtel der Städte. Zwar hätten alle Gebiete ein Umsatzwachstum verzeichnet, abseits der Zentren falle dieses aber überdurchschnittlich aus. Ursächlich dafür ist laut den Forschern die Arbeit im Homeoffice. Sie führt dazu, dass Menschen ihre Ausgaben näher an den Wohnort verlagern. Die Vorstadtringe wachsen, die Zentren werden ausgehöhlt: Dieses Phänomen wird in der wissenschaftlichen Literatur auch als „Donut-Effekt“ bezeichnet.

Städte aus NRW haben Krause und sein Team in ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt. Für Düsseldorf – die einkommensstärkste Großstadt in NRW – hat der Ökonom allerdings eine Vermutung. „Die Ergebnisse unserer Studie für andere Großstädte legen nahe, dass sich auch in Düsseldorf die Gastronomieumsätze erholt haben“, sagt er. Hinzu komme, dass der Inflationsdruck zurückgegangen sei. „Das bedeutet, dass weniger Betriebe in den kommenden Monaten ihre Preise erhöhen wollen“, sagt Krause.

Wie stark sich die erhöhte Mehrwertsteuer tatsächlich auf die Betriebe auswirkt, ist vor diesem Hintergrund schwer zu sagen. Das gibt auch der Dehoga-NRW-Sprecher zu: „Ob der Gast wegen der Mehrwertsteueranpassung oder der Inflation nicht kommt, wissen wir natürlich nicht. Wir sehen nur, dass es bei vielen weniger wird“, sagt er. Der Jahresstart ist aus Dehoga-Sicht jedenfalls schlecht verlaufen: Im Januar habe der reale Umsatzrückgang von Gastronomie und Hotellerie 15 Prozent im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 betragen. Die wirtschaftliche Lage bleibe insgesamt sehr angespannt, teilte der Dehoga NRW mit.

Auch Simon Krause bestreit nicht, dass die Stimmung in der Gastronomie eingetrübt ist. In ländlichen Regionen, in denen das Einkommensniveau niedriger sei, seien die Umsätze weiterhin niedriger als vor Corona. Er glaubt aber nicht, dass der zentrale Grund dafür die gestiegene Mehrwertsteuer ist. Vielmehr hält er andere Faktoren wie etwa die gesamtwirtschaftliche Situation, die hohen Lebensmittelpreise und den Mangel an Fachkräften für die zentralen Probleme.

Der Dehoga setzt derweil seine Hoffnungen auf die wärmeren Jahreszeiten. Man freue sich auf den Frühling, auf einen Sommer mit hoffentlich gutem Wetter, die Fußball-Europameisterschaft mit vier Spielstätten in NRW und viele einheimische und auswärtige Gäste, sagt der Vebandssprecher. Für März hat sich das Geschäftsklima in der Gastronomie jedenfalls schon deutlich verbessert. Es sei im „historischen Vergleich immer noch niedrig“, sagt Ökonom Krause. „Aber es ist eine Stimmungsaufhellung, ein Silberstreif am Horizont.“

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