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Mehr Zwangversteigerungen erwartet

Immobilien : Mehr Zwangversteigerungen erwartet

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Zwangsversteigerungen deutlich gesunken. Doch für die Zukunft rechnet die Ratinger Argetra wieder mit einer deutlichen Steigerung.

(gw) Die Zahl der Zwangsversteigerungen von Immobilien und Grundstücken an den deutschen Amtsgerichten wird nach Einschätzung der Argetra wieder deutlich zunehmen. Das Ratinger Unternehmen, das regelmäßig Versteigerungstermine veröffentlicht, schließt dies unter anderem daraus, dass ein sprunghafter Anstieg bei Privatinsolvenzen sichtbar sei.

Voraussehbar sei schon jetzt, dass „nach zehn Jahren sinkender Fallzahlen die Privatinsolvenzen im Jahr 2021 stark ansteigen werden“. Nach Einschätzung von Experten sei in diesem Jahr mit bis zu 110.000 Insolvenzen im privaten Bereich zu rechnen. Das wäre eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Und da manch ein Betroffener gleichzeitig Immobilien-Eigentümer ist, könnte sich auch die Zahl der Versteigerungen deutlich erhöhen.

Der steile Anstieg der Zwangsversteigerungen ergibt sich auch aus der angenommener Maßen deutlich steigenden Zahl an Firmenpleiten im kommenden Jahr. Der Anwalt Biner Bähr aus der internationalen Anwaltskanzlei White & Case in Düsseldorf hat unserer Redaktion noch vor Kurzem gesagt, er rechne mit etwa 30.000 Unternehmensinsolvenzen allein im kommenden Jahr.

Für das erste Halbjahr 2021 hat sich bei den Gerichtsterminen der Trend der vergangene Jahre allerdings noch bestätigt. Die Zahl der aufgerufenen Objekte ist um mehr als zehn Prozent auf knapp 6500 gesunken. Gesamter Verkehrswert: rund 1,4 Milliarden Euro. Allerdings lande nur die Hälfte der eröffneten Zwangsversteigerungsverfahren auch im Gerichtsaal, so die Argetra. Der Rest werde vor der Versteigerung frei verkauft. Zwangsversteigert werden zu zwei Dritteln Wohnimmobilien (vor allem Ein- und Zweifamilienhäusern, gefolgt von Eigentumswohnungen). Der Rest sind Gewerbegrundstücke, Wohn- und Geschäftshäuser, Grundstücke und sonstige Immobilien.

Dass die Zahlen aktuell noch zurückgehen, schreibt die Argetra auch den Hilfen des Staates für Unternehmen zu– darunter Überbrückungshilfen und vereinfachter Zugang zum Kurzarbeitergeld –. Sobald die staatlichen Unterstützungsprogramme ausliefen, sei mit steigenden Arbeitslosenzahlen und einem verstärkten Angebot am Immobilienmarkt zu rechnen. Bei der Verteilung hat Nordrhein-Westfalen seit Jahren eine unrühmliche Spitzenposition. Als bevölkerungsreichstes Bundesland hat NRW laut Argetra fast 20 Prozent Anteil am Gesamtmarkt. Schaut man sich aber die besonders betroffenen Standorte an, liegen diese meist im Osten: Chemnitz, Leipzig und Berlin sind die mit den meisten Terminen, dahinter folgt Duisburg. Die Argetra hat 40 Standorte untersucht, die 18 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Auf sie entfällt nach Angaben des Unternehmens fast jeder dritte Versteigerungstermin. Herausgefallen aus dieser Gruppe sind unter anderem Wuppertal und Mönchengladbach. Von den 40 Städten hätten 14 weniger als 50.000 Einwohner, so die Argetra. Zwangsversteigerung ist in Deutschland also beileibe nicht nur ein Thema der teuren Immobilien-Standorte.