Marie-Helene Ametsreiter: Von der Stewardess zur Start-up-Investorin

Marie-Helene Ametsreiter: Von der Stewardess zur Start-up-Investorin

Beim Namen Ametsreiter denken viele zuerst an den Vodafone-Chef. Die Karriere seiner Frau ist dabei viel spannender. 

Die Häuserschluchten von Hongkong hat Marie-Helene Ametsreiter auch nach 20 Jahren noch nicht vergessen. Diesen Moment, wenn das Flugzeug langsam absinkt und eintaucht in diese Stadt, „wie zwischen zwei Wäscheleinen“, bevor es auf dem Rollfeld nach der Landung zum Stehen kommt. 1998 wurde der Flughafen Kai Tak geschlossen, doch zu diesem Zeitpunkt hatte Ametsreiter die rote Uniform von Austrian Airlines schon längst gegen ein Business-Dress eingetauscht.

Ametsreiter war Top-Managerin in der Mobilfunkbranche, hat in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet und ist heute Partnerin bei Speedinvest, einem der größten Risikokapitalgeber Europas. Sie hat viel erreicht – und daran, ist sie überzeugt, hat auch ihre Zeit als Stewardess einen Anteil. Vier Jahre lang arbeitete die heute 49-Jährige für Austrian Airlines, während sie nebenbei noch Wirtschaftswissenschaften in Wien studierte. „Da lernt man, sich gut zu organisieren“, sagt sie lachend: „Ich bin nicht nur einmal mit der roten Uniform von Austrian Airlines in die Prüfung marschiert.“

In der Luft hat sie dabei mindestens genauso viel gelernt wie im Hörsaal. „Man entwickelt eine hohe Anpassungsfähigkeit an Teams, weil man ja jedes Mal mit einer neuen Besatzung fliegt“, sagt sie: „Da muss man dann mit Leuten, die man nie vorher getroffen hat, über mehrere Tage hinweg zusammenarbeiten. Das schult.“

Heute kommt ihr diese Fähigkeit zugute, denn Speedinvest gibt Start-ups nicht nur Geld, wie es andere Risikokapitalgeber tun.  Der 2011 gegründete Investor bietet neben Kapital auch operative Arbeitsleistung an. Bei Bedarf helfen Teams des Unternehmens den Start-ups bei der internationalen Expansion, der Personalgewinnung oder der Vermittlung von Kundenkontakten. Die Österreicher sind damit eine Mischung aus Risikokapitalgeber und Rocket Internet, jener berühmten Berliner Start-up-Schmiede, die anfangs Unternehmen per Baukastensystem aufbaute und damit die Berliner Gründerszene maßgeblich mitgeprägt hat.

„Erstgründer scheitern oft nicht an der Produktidee, sondern am Aufbau des Start-ups“, begründet Ametsreiter bei einem Treffen die enge Unterstützung von Start-ups, bei der immer gilt: Alles kann, nichts muss. 500.000 Euro investiere man im Schnitt. „Wir sind als Frühphasen-Investor oft der erste institutionelle Investor“, sagt sie. Knapp 250 Millionen Euro hat Speedinvest inzwischen von mehr als 200 Investoren eingesammelt, darunter auch vielen Mittelständlern, die gerne im Digitalbereich aktiver werden wollen, sich aber keine eigenen Strukturen leisten können. Auch Großkonzerne geben Geld, zum Beispiel der österreichische Brausehersteller Red Bull.

Für sie sucht Ametsreiter von München aus nach Anlagemöglichkeiten. Knapp 5000 Start-ups haben sie sich bei Speedinvest im vergangenen Jahr angeschaut, darunter auch zahlreiche aus Deutschland. Mit einigen guten Investitionen hat man sich dabei inzwischen einen Namen gemacht, 2016 war Speedinvest laut einer Studie der Unternehmensberatung KPMG der aktivste Investor in Finanz-Start-ups, die sogenannten Fintechs, in Europa.

Um dorthin zu kommen, startete Ametsreiter zwischendurch sogar eine Fernseh-Karriere, eine gewisse Prominenz hatte sie allerdings schon vorher erlangt: Ihr Vater, Hans Magenschab, war Sprecher des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil, ihren Mann Hannes kennt man auch in Deutschland als Chef des Mobilfunkanbieters Vodafone. Aber Marie-Helene hat stets dafür gesorgt, mehr zu sein als „die Ehefrau vom Ametsreiter“.

Zwei Staffeln lang war sie auf dem österreichischen Sender Puls 4 in der Show „2 Minuten 2 Millionen“ zu sehen, der österreichischen Version der Gründershow, die in Deutschland unter dem Namen „Die Höhle der Löwen“ regelmäßig ein Millionen-Publikum vor den Fernseher lockt.

Für Tech-Investoren ist es eine Gratwanderung, in solchen Sendungen mitzumachen. Denn für das Fernsehen braucht es Produkte zum Anfassen – oder zumindest solche, die schnell verstanden werden. Doch viele Start-ups aus dem Technologie-Bereich arbeiten an der Lösung komplizierter Probleme, für deren Erklärung es mehr als die zwei Minuten braucht, die den Gründern laut Sendertitel für ihre Präsentation zur Verfügung stehen. Ametsreiter und ihren Investoren-Kollegen wurden moderne Einkaufstrolleys, Fahrradblinker für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und vermeintlich innovative Zahnimplantate präsentiert. 

„Am Anfang war es eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Der Sender wollte Speedinvest gerne dabei haben und wir hatten so die Möglichkeit, österreichweit bekannt zu werden“, sagt Ametsreiter. Doch irgendwann stellte sich die Kosten-Nutzen-Frage. „Die Start-ups wurden immer publikumstauglicher und stimmten immer weniger mit unserem Investmentfokus überein“, sagt Ametsreiter: „Gleichzeitig machen wir inzwischen unter zehn Prozent unserer Investments in Österreich. Wir sind europaweit unterwegs, die Show kennt man aber eher regional. Das passte irgendwann nicht mehr.“

Bei den meisten Präsentationen winkte Ametsreiter ab – weil das Produkt nicht passte, in Einzelfällen auch mal, weil sich der Gründer schon bei der Vorstellung der Idee unmöglich benahm. Beim Start-up Wuggl schlug sie aber zu.

Das Start-up will die Schweinezucht digitalisieren, da muss man erstmal drauf kommen. In der Sendung erklärten die Gründer, dass Schweine immer zwischen 108 und 120 Kilogramm wiegen müssten, damit die aus ihnen gewonnenen Koteletts am Ende in etwa gleich groß sind. Doch es sei schwer, die Tiere zu wiegen, weshalb viele Landwirte dazu übergegangen seien, das Gewicht einfach zu schätzen. „Das ist aber sehr ungenau“, sagt Alois Temmel, Co-Gründer von Wuggl und Tierarzt. Stimmt das Gewicht am Ende nicht, müssen die Landwirte erhebliche Preisabschläge in Kauf nehmen. Wuggl will die Tiere nicht mehr wiegen, sondern fotografieren. Anschließend errechnet eine App mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit das Gewicht des Tieres.

50.000 Euro investiert Ametsreiter in das Start-up in der Show. Es war ihr erstes Investment für Speedinvest. Vier Jahre später hat Wuggl den Markt noch nicht revolutioniert. Ein Misserfolg? „Wir sind zunächst davon ausgegangen, dass die Smartphone-Kamera ausreichen würde. Am Ende musste doch eine eigene Hardware entwickelt werden“, sagt Ametsreiter: „Noch ist nicht klar, ob aus Wuggl etwas wirklich Großes wird.“

Mit jedem Investment sammelt auch sie neue Erfahrungen. Das spannende an ihrem Job sei, sagt sie, so viele faszinierende Teams und Ideen kennenzulernen. Auch sie war ja anfangs ein Neuling in diesem Job, trotz all ihrer Erfahrung als Managerin.

Nach dem Studium hat Ametsreiter  lange in der Telekommunikationsindustrie gearbeitet, hier lernten sie und ihr Mann sich auch kennen. Sie machten beide Karriere, er bei der Telekom Austria, sie bei Mobilkom Austria. Als die Unternehmen fusionierten, zog sie sich zurück. „Wir wären sonst beide

im Vorstand gewesen. Das ging natürlich aus Governance-Gründen nicht.“

Ametsreiter wechselte in die Öl- und Gasindustrie, merkte aber schnell, dass sie dort nicht glücklich wurde. „Mir hat das Tempo gefehlt, dass ich aus der Mobilfunk-Branche gewohnt war“, sagt sie. Also machte sie sich zunächst als Beraterin selbstständig und versuchte später, mit zwei Geschäftspartnern eine Werbeagentur zu aufzubauen. „Das hat nicht funktioniert.“

Allerdings lernte sie in dieser Phase Oliver Holle kennen, einen der beiden Gründer von Speedinvest. Als Beraterin unterstützte sie ihn bei seinem damaligen Start-up 3United, einem Anbieter von Bezahl-SMS. „Er hat mir damals angeboten, mit einzusteigen. Ich habe abgelehnt“, sagt Ametsreiter. Wenig später wurde das Unternehmen für 55 Millionen Euro in die USA verkauft. „Da habe ich mich im Nachhinein natürlich geärgert“, sagt Ametsreiter heute nüchtern und lächelt dann amüsiert.

Der Kontakt zu Holle blieb – und irgendwann fragte er sie, ob sie nicht einsteigen wolle. Diesmal sagte Ametsreiter zu. 2014 fing sie bei Speedinvest an, 2015 wurde ihr Mann Chef beim Düsseldorfer Mobilfunkanbieter Vodafone. Von München aus baut sie nun das Deutschland-Geschäft des Investors auf. Der Job ist ihr wichtig. „Obwohl wir zwei Kinder haben und Hannes unter der Woche in Düsseldorf lebt und ich in München, hat er immer gesagt: Du gehst deinen Weg.“

Es war eine anstrengende Zeit, speziell nach dem Umzug nach München. Einen Kindergartenplatz gab es für die jüngste Tochter mit drei Jahren nicht, immerhin half eine Nanny Marie-Helene Ametsreiter halbtags bei der Kinderbetreuung, die nebenbei das Unternehmen aufbaute. „Aus meiner Sicht müsste von staatlicher Seite noch viel mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan werden“, sagt sie.

Vielleicht würde es dann auch mehr Gründerinnen geben. Der Frauen-Anteil beträgt aus Ametsreiters Erfahrung knapp zehn Prozent, in Deutschland sollen es laut dem „Deutschen Start-up Monitor“ im vergangenen Jahr knapp 15 Prozent gewesen sein – die Studie ist allerdings nicht repräsentativ. „Wenn man Gründerinnen im Tech-Bereich trifft, sind es immer außergewöhnliche Typen“, hat Marie-Helene Ametsreiter festgestellt.

Zum Teil, ist sie überzeugt, liege das an den Frauen selbst. „Ein hoher Perfektionsanspruch führt dazu, dass Frauen sich oftmals unter Wert verkaufen.“ Allerdings hat auch Ametsreiter erlebt, dass es für sie als Frau in der männerlastigen Branche Barrieren gibt. Da wird dann zu Skiausflügen eingeladen, an denen nur Männer teilnehmen. „Da habe ich manchmal schon den Eindruck, dass Frauen bewusst nicht dazu gebeten werden“, sagt sie. An mangelnden Fähigkeiten kann es nicht liegen, weder beruflich noch sportlich. Den Jahreswechsel haben die Ametsreiters in Tirol verbracht – mit Skifahren.

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