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Ludwig Poullain: Früherer WestLB-Chef mit 95 Jahren gestorben

Düsseldorf : Der letzte Bankier

Im Alter von 95 Jahren ist der frühere WestLB-Chef Ludwig Poullain gestorben. Er machte aus der Landesbank ein globales Institut, stolperte aber am Ende über einen Beratervertrag. Bis zuletzt war er ein gefragter Gesprächspartner.

Für Ludwig Poullain war der Unterschied zwischen Bankern und Bankiers stets ein großer. "Der Bankier war ein vornehmer Mann, kein Vornehmtuer, er war also ein Herr, der die Kunst und die Geduld des Zuhörens beherrschte und so souverän war, seine eigene Meinung durch das, was er aufnahm, zu korrigieren. Ein Banker dagegen ist ein globaler Universeller. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser; etwa von Abläufen in Produktion und Versand, von Forschung und Entwicklung, also von Dingen, von denen er von Haus aus nur wenig wissen kann."

Vernichtender kann ein Urteil über das Top-Management der eigenen Branche in den 80er Jahren und danach kaum ausfallen. Aber Ludwig Poullain, der einstige Chef der großen alten Westdeutschen Landesbank, hat solche Provokationen nie gescheut. So bleibt er auch nach seinem Tod als Mann des klaren Wortes in Erinnerung.

Dabei ist Poullain, der gestern im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Münster gestorben ist, selbst nicht frei von Makel gewesen. Seine WestLB-Karriere endete abrupt einen Tag vor Heiligabend 1977, an Poullains 58. Geburtstag, mit seinem Rücktritt. Drei Wochen später folgte die fristlose Kündigung durch seinen Arbeitgeber. Dem Bankchef wurde ein Beratervertrag mit einem Unternehmer aus Konstanz zum Verhängnis, dessen Firma in Schieflage geriet und dessen Schulden die WestLB übernehmen musste. Poullains Problem: er hatte Kredite an den Unternehmer geprüft und genehmigt und eine Million Mark aus einem Beratervertrag mit dem Mann vom Bodensee erhalten. Nach ihm trat auch der damalige NRW-Finanzminister Freidrich Halstenberg, bis dato Chef des WestLB-Verwaltungsrates, zurück. Die Bank hatte ihren ersten großen Skandal - weit vor der LTU-Affäre, dem Boxclever-Skandal oder Milliardenlasten aus der Finanzkrise.

Poullain wurde später vom Verdacht des Betrugs und der Untreue freigesprochen. Doch so eine Affäre verschwindet nicht so einfach aus den Köpfen der Zeitgenossen. Und deshalb war dieser Mann, dessen WestLB-Karriere schon Jahrzehnte zurücklag, selbst im hohen Alter einerseits noch ein gefragter Gesprächspartner - zuletzt auch in der Diskussion um die Kunstsammlung der WestLB-Nachfolgerin Portigon, für die der Grundstein in seiner Amtszeit gelegt wurde. Andererseits blieb Poullain der Mann, der als Chef einer großen Bank zurücktreten musste.

Freilich wäre es falsch, die WestLB-Vergangenheit des gebürtigen Lüttringhausers auf den Skandal der 70er Jahre zu reduzieren. Poullain hat das öffentliche Bankwesen in Deutschland geprägt. Er hat als Sparkassen-Lehrling angefangen, eine Sparkassen-Karriere per excellence durchlaufen, ehe er 1969 an die Spitze der von ihm mitbegründeten neuen Westdeutschen Landesbank rückte. Er machte die Bank, die damals größte in Deutschland, in den Folgejahren durch Auslandsengagements in Luxemburg, Großbritannien, USA und anderen Ländern zu einem global agierenden Institut. Er war einer der ersten, der den Gedanken an eine große Fusion von deutschen Landesbanken führte. Und er lotste die WestLB in die Unternehmensbeteiligungen beim Industriekonzern Preussag und beim ostwestfälischen Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister. So wurde die Düsseldorfer Landesbank schon früh zu einem veritablen Mitglied der sogenannten Deutschland AG, diesem Geflecht aus Industrie- und Finanzbeteiligungen, in dem große Entscheidungen nur selten ohne die Manager aus den Banktürmen fielen.

Genau die hat Poullain später heftig kritisiert. Es ist kein Wunder, dass ein Querdenker und Philantrop wie Alfred Herrhausen derjenige aus der Riege der Deutsche-Bank-Chefs war, für den Poullain am meisten Sympathie empfand. Seine Schonungslosigkeit im Urteil über die Sohn- und Enkelgeneration auf den Managerposten deutscher Geldhäuser wirkte mitunter allerdings auch wie die Kritik eines Mannes, über den die Zeit hinweggegangen ist. Wie immer man das bewertet - so oder so ist in Ludwig Poullain ein Vertreter aus der Zeit großer deutscher Banken gestorben.

(RP)