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Land NRW stellt für Abellio-Nachfolge Millionen bereit

Bahnanbieter droht die Pleite : Land NRW stellt für Abellio-Nachfolge Millionen bereit

Das Aus des Anbieters im NRW-Nahverkehr scheint besiegelt zu sein. Am Montag dürfte die endgültige Entscheidung fallen. Die Mitarbeiter sind tief enttäuscht – auch von der Landespolitik.

Um das drohende Aus des Bahnanbieters Abellio zu kompensieren und den Bahnbetrieb im Nahverkehr aufrechtzuerhalten, will die Landesregierung bis zu 380 Millionen Euro bereitstellen. Das geht aus einem Brief des NRW-Verkehrsministeriums an den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) hervor, der unserer Redaktion vorliegt. Eine Reduzierung des Angebots ist aus Sicht des NRW-Verkehrsministeriums demnach nicht akzeptabel: „Wir setzen auf Leistungsausbau, nicht auf Leistungsreduktion“, heißt es in dem Brief.

Abellio ist auf der Schiene einer der größten Anbieter im NRW-Nahverkehr. Die Tochter der niederländischen Staatsbahn betreibt unter anderem den Rhein-Ruhr-Express und die Bahnlinie S7 zwischen Wuppertal und Düsseldorf. Insgesamt ein Sechstel des Nahverkehrs auf der Schiene wird aktuell von Abel­lio betrieben. Weil das Unternehmen jedoch seit Langem auf seinen Strecken Verluste machte, musste es im Juni ein Schutzschirmverfahren beantragen. Es droht die Insolvenz. Versuche, den Weiterbetrieb zu sichern, sind bislang gescheitert.

Die für NRW zuständige Abellio Rail GmbH hatte versucht, mit Nahverkehrsverbünden wie dem VRR bessere Konditionen auszuhandeln und zwei besonders verlustträchtige Verträge zu beenden. Doch der VRR präferiert offenbar einen Neustart mit anderen Anbietern, die dann ab Februar die Strecken übernehmen könnten. Eine entsprechende Entscheidung soll planmäßig am Montag bei einem Treffen des Verwaltungsrats beschlossen werden.

Die rund 1080 Abellio-Mitarbeiter haben sich unterdessen in einem offenen Brief an Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) gewandt. Wüst war bis vor Kurzem noch Landesverkehrsminister und damit unmittelbar mit dem Problem betraut. In dem Schreiben kritisieren die Mitarbeiter, dass sie mit täglich wachsender Sorge um ihre Arbeitsplätze ihren Dienst antreten würden, während Abellio-Mitarbeiter in anderen Regionen wie Baden-Württemberg bereits eine gesicherte Zukunft hätten. Dort seien langfristige Vereinbarungen zum Weiterbetrieb geschlossen worden. „Derzeit ist der Betrieb bis 31. Januar 2022 finanziert. Fünf Wochen vor dem Weihnachtsfest wissen die Kolleginnen und Kollegen also noch immer nicht, wie es für sie im neuen Jahr weitergeht“, heißt es in dem Schreiben. Abellio-Betriebsratschef Jürgen Lapp fürchtet, dass die Mitarbeiter zunehmend resignieren würden.

  • Foto: Peter Meuter / Solingen, Suedbahnhof
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Die Finanzprobleme im Nahverkehr sind aus seiner Sicht zudem kein reines Abellio-Problem. „Es gibt kein Unternehmen, das im öffentlichen Nahverkehr aktuell Gewinne macht“, sagt Lapp.

Schuld an den Verlusten sind unter anderem höhere Kosten durch Baustellen, etwa weil Verspätungen der Fahrgäste kompensiert werden müssen oder man sich um einen Schienenersatzverkehr bemühen muss. „Immer wenn wir Verspätungen haben, müssen wir zahlen – egal wer schuld ist“, sagt Jürgen Lapp mit Blick auf Baustellen oder Brückenschäden auf den Strecken. Auch höhere Personalkosten belasten die Bilanz, weil Lohnsteigerungen in den langfristigen Verträgen mit den Verkehrsverbünden offenbar nur unzureichend berücksichtigt wurden.

Die Opposition in Nordrhein-Westfalen fürchtet chaotische Zustände im Nahverkehr, sollten die Abellio-Strecken per Notvergabe ab dem 1. Februar 2022 an andere Anbieter übertragen werden. „Diese Herausforderung ist riesig“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der SPD im Landtag, Carsten Löcker. Abellio decke mehr als 1500 Linienkilometer in NRW ab und befördere jährlich 60 Millionen Menschen. „Die Landesregierung muss endlich Verantwortung übernehmen – sowohl für die Berufspendler als auch für die Beschäftigten“, sagt Löcker: „Als ordnende Hand muss das Verkehrsministerium den Übergang in den kommenden Wochen koordinieren.“

Mit den nun avisierten 380 Millionen Euro würde die Landesregierung zumindest Mittel für die Finanzierung der Notvergaben bereitstellen – denn durch den kurzfristigen Wechsel der Anbieter dürften hohe Mehrkosten anfallen, weil sich Abellio-Konkurrenten die Arbeit besser bezahlen lassen werden. Dem Vernehmen nach könnten dabei DB Regio, National Express sowie ein weiterer Anbieter zum Zuge kommen. Um das Münchner Unternehmen Flix Mobility (Flixtrain) handelt es sich dabei aber nicht. Das Start-up hatte erst in dieser Woche den Ausbau der Fernverbindungen angekündigt. „Wir haben natürlich große Ambitionen mit Flixtrain – der Fokus liegt jedoch klar auf dem Fern- und nicht auf dem Nahverkehr“, sagte ein Sprecher. So attraktiv ist das Abellio-Paket offenbar trotz Millionen vom Land nicht.