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Kurzarbeit bei Ford: Engpässe werden für Industrie zum Problem

Preise steigen für den Nachschub : Engpässe werden für Industrie zum Problem

Ford in Köln fährt das Werk herunter, Miele hat lange Lieferfristen, auch Henkel ist betroffen. Nach Corona drohen neue Schwierigkeiten in der Gastronomie.

Woran misst sich Knappheit? Vorrangig am Preis. Das lässt sich auch gut am Markt für Reisemobile zeigen. Ein elf Jahre alter Ford Nugget mit Küche und Hochdach hätte vor der Corona-Krise maximal 13.000 Euro gebracht, jetzt sind 20.000 Euro drin. Gleichzeitig fordern Verkäufer von zwei oder drei Jahre alten Fahrzeugen nicht viel weniger als den Neupreis, weil ganz neue Autos in der Regel drei Monate oder oft deutlich mehr Lieferfrist haben – zu spät für den Sommerurlaub in Corona-Zeiten.

Viele Güter in Deutschland und weltweit sind so knapp wie nie. Am Montag verkündete Ford in Köln, die Produktion bis zum 18. Juni fast komplett einzustellen. Rund 5000 der 15.000 Mitarbeiter sind von der Kurzarbeit betroffen. Lediglich an den Tagen vom 19. bis zum 29. Juni sollen in Köln die Fließbänder laufen, ab dem 30. rollt inklusive der Werksferien bis zum 16. August kein Wagen vom Band. Der Grund dafür ist, dass wichtige Halbleiter zum Ausrüsten der Fahrzeuge fehlen. „Die Lage auf dem globalen Halbleiter-Markt bleibt angespannt und wird es allen Schätzungen zufolge auch in den nächsten Monaten bleiben, woraus sich Lieferengpässe ergeben“, erläuterte ein Ford-Sprecher den Schritt. Deshalb müsse der Autobauer seine Fertigung herunterfahren. „Die ausgefallene Produktion werden wir bestmöglich aufholen“, sagte er. „Wir arbeiten daran, die Situation schnellstmöglich zu verbessern.“

 ARCHIV - 26.02.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Ford Mitarbeiter arbeiten in der Produktion des Fiesta an einer Karosserie. (zu dpa: Ford-Jubiläum: Vor 90 Jahren lief das erste Modell in Köln vom Band») Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 26.02.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Ford Mitarbeiter arbeiten in der Produktion des Fiesta an einer Karosserie. (zu dpa: Ford-Jubiläum: Vor 90 Jahren lief das erste Modell in Köln vom Band») Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: grafik

Wie ernst die Lage ist, bestätigt eine ebenfalls am Montag veröffentlichte Studie des Ifo-Instituts. 45 Prozent der Industriefirmen in Deutschland berichten demnach von Engpässen bei der Beschaffung von Teilen. Das ist der mit Abstand höchste Wert seit Januar 1991. Im Januar dieses Jahres klagten erst 18,1 Prozent der Firmen über knappen Nachschub, im Oktober 2020 waren es 7,5 Prozent. „Dieser neue Flaschenhals könnte die Erholung der Industrie gefährden“, so Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen.

Am meisten betroffen von der Materialknappheit sind die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren mit 71,2 Prozent. Davon ist auch Henkel in Düsseldorf tangiert, weil damit Verpackungen für Produkte für Waschmittel wie Persil immer teurer werden. „Neben der reduzierten Produktionskapazität durch die Corona-Pandemie spielen hier auch die Nachwirkungen eines Wintersturms in den USA eine Rolle“, sagte ein Sprecher des Dax-Konzerns.

Am zweitstärksten leidet die Autoindustrie unter der Knappheit, wo knapp zwei Drittel der Unternehmen betroffen sind. „Ohne die immer wichtigeren Halbleiter kann kein Auto fahren“, erklärte der Wirtschaftsprofessor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, „doch gemessen am steigenden Bedarf, haben die Hersteller alle viel zu wenige Chips bestellt.“ Zudem haben zwei Halbleiterfabriken in Japan gebrannt, Elektroautos brauchen mehr Halbleiter als Verbrenner, und der Boom bei Homeoffice, Smartphones und Unterhaltungselektronik heizt die Nachfrage weiter an.

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Audi schickte unlängst 10.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit, Daimler ließ die Arbeit in drei Werken ruhen, Peugeot rüstet als Notlösung einen Wagen mit einem analogen Tacho statt schicken Digitalanzeigen aus, um lieferfähig zu bleiben. Wegen zu wenig Chips haben viele Branchen Gegenwind. Bei Samsung fehlen Halbleiter, die den Inhalt von Wäschetrommeln wiegen. Der Maschinenbau klagt ebenfalls.

Weitere Faktoren kommen hinzu. Auch weil der Suezkanal wegen der Havarie des riesigen Containerschiffs „Ever Given“ tagelang blockiert war, kostet der Transport eines Containers nach Asien zehnmal mehr als vor einigen Wochen. Lidl meldete, dass einige Aktionsangebote wie ein aufblasbares Stand-up-Paddling-Board nicht geliefert werden können. Aldi sprach davon, die Situation für aus Asien gelieferte Ware sei „herausfordernd“, Bauhaus meldete, es könne „insbesondere bei Rohstoffen wie Holz, Metall und Elektrokomponenten zu Lieferverzögerungen kommen“. 

Dabei verschiebt die Pandemie auch die Nachfrage. Miele aus Gütersloh fährt Sonderschichten bei vielen Waren, weil die Käufer die Zeit der Krise nutzen, um ihre Küchen neu auszustatten. „Die Menschen investieren viel in ihre vier Wände, anstatt zu verreisen oder in Restaurants Geld auszugeben“, erklärte ein Sprecher, Lieferzeiten von sechs Wochen für Spülmaschinen, Waschmaschinen und Trockner seien die Regel. Auch Elektrofahrräder liegen im Trend, weil die Menschen statt auf Schwimmen im Mittelmeer auf Zweiradtouren in der Heimat setzen. „Viele Modelle gibt es nur mit einigen Monaten Verzögerung“, sagte ein Händler.

Weil so viel saniert und renoviert wird wie lange nicht, ziehen die Baukosten stark an. Bereits seit März warnt der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks vor massiven Preissteigerungen und Materialengpässen bei Holzprodukten und Dämmstoffen. Über 60 Prozent der Betriebe der Baubranche berichten über Preissteigerungen von mehr als 50 Prozent, einige müssen eine Verdoppelung der Einkaufspreise hinnehmen.

Insgesamt haben die Deutschen vergangenes Jahr 16 Prozent ihres Einkommens gespart – ein Rekordwert seit der Wiedervereinigung. Wo drohen nach der Krise neue Engpässe? Ein Restaurantbesitzer aus Essen berichtet, er könne sein Haus im Sommer wohl nur langsam hochfahren. Warum? „Die ganzen Kellner haben sich neue Jobs gesucht“, sagte er. „Es wird Monate dauern, den Betrieb wieder aufzubauen.“