"Kohle unbeliebter als Atom"

"Kohle unbeliebter als Atom"

Was bedeutet der Windpark Baltic I für die Strategie von EnBW?

Villis Es ist der erste kommerzielle Off-Shore-Wind-Park in der deutschen Ostsee. Insgesamt wollen wir in den nächsten Jahren vier Off-Shore-Windparks bauen, die zusammen rund 1200 Megawatt-Leistung haben. Damit kommen wir unserem Ziel, den Anteil regenerativer Energie an unserer Stromerzeugung von jetzt rund 11 Prozent auf 20 Prozent zu erhöhen, spürbar näher.

Bereiten Sie damit den Atomausstieg vor?

Villis: Richtig ist, dass die Kernenergie in Deutschland eine vergleichsweise geringe Akzeptanz hat. Nichts wird mehr so sein wie vor der Naturkatastrophe in Japan. Wenn wir in Deutschland heute diskutieren, schneller als ursprünglich geplant aus der Kernkraft auszusteigen, sollte man auch die Folgen bedenken. Ein zu schneller Ausstieg könnte dazu führen, dass wir mehr Kohle verfeuern und damit mehr CO2 freisetzen, als wir aus Sicht des Klimaschutzes wollen. Auch ist wenig überzeugend, hiesige Kernkraftwerke runterzufahren und gleichzeitig dann Kernkraft-Strom aus dem Ausland zu importieren. Genau diese Situation ist eingetreten, als vor wenigen Wochen das Moratorium ausgerufen wurde.

Was muss passieren?

Villis Im Ergebnis ist wichtig, alle Aspekte vom Umbau der Stromerzeugung über die Gewährleistung der Netzstabilität bis hin zu der Entwicklung der Strompreise auszuloten. Hier könnte ein nationales Energieministerium helfen. Bisher sind die Zuständigkeiten für Reaktorsicherheit, für Energieforschung oder für Regulierung und Marktsteuerung auf unterschiedliche Ministerien verteilt. Gleiches gilt für die Förderung der Elektromobilität. Dies scheint mir nicht optimal zu sein.

Was muss beim Netzausbau geschehen?

Villis Wir müssen nicht nur die riesigen Hochspannungstrassen zu den künftigen Windparks legen, sondern auch in der Fläche die Netze zum großen Teil umbauen: Wenn Tausende Solaranlagen bei strahlendem Sonnenschein plötzlich hohe Mengen Strom in das Netz einspeisen, dann aber bei Bewölkung diese Leistung ebenso schnell abnimmt, müssen diese zum Teil extremen Leistungsschwankungen sehr schnell ausgeglichen werden. Diese Flexibilität müssen wir durch einen Umbau des Netzes schaffen. Alleine dieser Ausbau regionaler Netze wird Milliarden Euro kosten, das können schnell zehn werden.

Halten Sie die hohe Förderung der Solarenergie für falsch?

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Villis Die zig Milliarden Euro könnten an anderer Stelle effektiver und mit Mehr Nutzen für den Klimaschutz eingesetzt werden.

SPD-Chef Gabriel hat gesagt, dass die Gefahr der Kernkraft höher ist als die durch den Klimawandel.

Villis Trotz der Katastrophe von Fukushima halte ich das Risiko eines extremen Klimawandels für deutlich höher als das Risiko, das von unseren praktisch sicheren und ständig überwachten Anlagen in Deutschland ausgeht.

EnBW ist Haupteigentümer der Stadtwerke Düsseldorf. Bleibt das so?

Villis Wir sind sehr zufrieden mit unserer Beteiligung in Düsseldorf, und es gibt keinerlei Verkaufspläne.

Hat deutsche Steinkohle mit dem Ausstieg aus der Atomenergie wieder eine Chance?

Villis Nein. Mein Vater war Bergmann, und ich habe früher bei der RAG gearbeitet. Aber das ändert nichts: Die Förderkosten in Deutschland sind zu hoch. Außerdem ist die Akzeptanz von Kohlekraftwerken noch schlechter als die von Atomkraft. Das sieht man am Beispiel Datteln: Nach meiner Meinung ein abschreckendes Signal an potenzielle Investoren. Man kann nicht den Bau eines Kraftwerkes genehmigen und dann, nachdem eine Milliarde verbaut wurde, die Fertigstellung verhindern. ........................................................... R. Kowalewsky und T. Reisener führten das Gespräch. Das komplette Interview im Netz unter www.rp-online.de/wirtschaft

(RP)
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