1. Wirtschaft

Kliniken und Heime bräuchten dringend Personal

Folgen der Corona-Krise : Kliniken und Heime bräuchten dringend Personal

Haushaltshilfen aus Osteuropa kommen aus Angst nicht, stationäre Einrichtungen haben zu wenig qualifizierte Mitarbeiter.

Drei Viertel der 3,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden daheim versorgt – nicht selten von oder zumindest mit Unterstützung von Menschen, die als Saisonkräfte nach Deutschland kommen. Nach Angaben des Sozialverbandes VdK versorgen diese Haushaltshilfen vorwiegend aus Osteuropa in Deutschland zwischen 300.000 und 500.000 Pflegebedürftige zu Hause. Viele von ihnen, meist Frauen, kommen derzeit nicht aus Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Pflegende Familienmitglieder sind daher auf sich allein gestellt, müssen Ersatz besorgen oder Urlaub nehmen, um sich um Angehörige kümmern zu können. Der VdK schlägt daher vor, die Regelung zur Kurzarbeit auf diese Personen auszudehnen. „Dann könnten Berufstätige zeitweise aus dem Job aussteigen, wären abgesichert und müssten sich keine Sorgen um ihr Auskommen machen. Und die Pflegebedürftigen könnten in ihren eigenen vier Wänden bleiben“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Auch in der stationären Pflege fehlt es an Personal. „Das hat natürlich auch damit zu tun, dass der Pflegeberuf in den vergangenen Jahren vielfach vernachlässigt worden ist“, sagt Sonja Wolf. Sie ist Pflegefachfrau, Stationsleiterin auf der Inneren Abteilung eines Leverkusener Krankenhauses, das den Personalmangel teils mit examinierten Fachkräften aus der Zeitarbeit als auch mit Hilfspersonal (beispielsweise Absolventen eines freiwilligen sozialen Jahres) zu lindern versucht.

Für die pflegerische Versorgung von Covid-19-Patienten braucht es indes nicht nur Pflegende, sondern weitergebildetes Intensivpflege-Personal: „Wer ein Beatmungsgerät fachgerecht bedienen will, muss dafür etwa eineinhalb Jahre speziell weitergebildet sein und zusätzlich Berufserfahrung haben“, sagt Wolf. Dass Kliniken und Heime so unterbesetzt seien, liege auch daran, dass seit Jahren die Arbeitsbedingungen so belastend geworden sind, dass viele den Beruf verlassen hätten. „Viele sind erschöpft ausgestiegen.“ Die Aussetzung der Pflegepersonal-Untergrenzen bei der Besetzung verstärken nun den Druck auf das jeweils anwesende Personal zusätzlich. Wolfs Wunsch: „Man müsste bei den Task Forces der Entscheider in Krisensituationen endlich auch das Pflegepersonal mit einbinden.“

Was in Krankenhäusern gilt, trifft in verschärftem Maße auf Pflege- und Altenheime zu. Dort gibt es deutschlandweit etliche Fälle, in denen sich nicht nur Bewohner, sondern auch Pflegekräfte infiziert haben. Das verschärft den Personalmangel, weil kurzfristig nur schwer Ersatz zu bekommen ist. Vielen fehlt es an Schutzausrüstung. Manche würden gern freiberufliche Pfleger einbinden, die Kapazitäten hätten. Das Problem: Ein Urteil des Bundessozialgerichts aus dem vergangenen Jahr (Aktenzeichen: Z: B 12 R 6/18 R) verlangt, dass Honorarpflegefachkräfte in der Regel abhängig beschäftigt sein müssen. Folge: Krankenhäuser und Pflegeheime müssten Beiträge an die Rentenversicherung nachzahlen. „Also verzichten die meisten Einrichtungen seither auf den Einsatz von freiberuflich Pflegenden“, so der Pflege-Verband DBfK.

Derweil beobachtet Norbert Schmitt, der in Duisburg einen ambulanten Pflegedienst betreibt, eine andere Entwicklung: „Viele Patienten haben Angst, sich zu infizieren, und sagen daher von sich aus die Termine mit dem Pflegedienst ab. Viele von ihnen sind bettlägerig, über 70 und haben oft Vorerkrankungen, sind also in mehrfacher Hinsicht Risikogruppe.“