Kita-Streik Was Erzieherinnen verdienen

Berlin · In diesen Tagen ist Improvisationstalent gefragt. Der Kita-Streik bedeutet für arbeitende Eltern in Deutschland vor allem Eines: zusätzlichen Stress. Doch wieso wird überhaupt gestreikt? Und wie viel verdienen Erzieherinnen überhaupt?

 Erzieherinnen bei einer Demonstration in Bayern.

Erzieherinnen bei einer Demonstration in Bayern.

Foto: dpa, shp nic

Düsseldorf Verdi-Chef Frank Bsirske ist ein Mann, der gerne die Dinge anschaulich beschreibt, am liebsten mit Beispielen aus der Praxis. Im Tarifkonflikt im Sozial- und Erziehungsdienst ist es die Geschichte von der stellvertretenden Kita-Leiterin aus Hannover, die Bsirske regelmäßig bemüht. Die Frau sei seit 29 Jahren im Beruf — und sie bekomme genauso viel Geld wie ihr Neffe, der gerade eine Chemielaborantenausbildung abgeschlossen hat. "Da läuft doch etwas gehörig schief, und zwar nicht beim Gehalt des Chemielaboranten", ereifert sich Bsirske. Erzieherinnen und Sozialarbeiter seien pädagogische Facharbeiter und müssten wie Facharbeiter bezahlt werden.

Im Kern geht es bei dem aktuellen Tarifkonflikt um 240 000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst. Nimmt man noch die kirchlichen Arbeitgeber und die Einrichtungen in freier Trägerschaft hinzu, die sich beide in der Regel an den Abschlüssen im öffentlichen Dienst orientieren, sind es sogar mehr als eine halbe Million Beschäftigte.

Vor allem die Erzieherinnen rücken in den Fokus, denn mit ihnen lässt sich aus gewerkschaftlicher Sicht mit Streiks am einfachsten Druck erzeugen. Wie gerecht sind deren Löhne? Verglichen mit der Industrie — wie in Bsirskes Beispiel vom Laboranten und der Kita-Leiterin — verdienen Fachkräfte tatsächlich weniger; im Schnitt 13 Prozent, wie das Institut der deutschen Wirtschaft vorrechnet. Allerdings lässt sich der Sozial- und Erziehungsdienst nur schwer mit der Industrie vergleichen, wo die Arbeitsplatzsicherheit geringer ist und bei schlechter Konjunktur Kurzarbeit droht. Zudem können Verdi und Co. in den Verhandlungen nicht mit den Argumenten der Industriegewerkschaften hantieren. Die können sich in der Regel auf einfach messbare Wirtschaftsgrößen wie den Produktivitätsfortschritt stützen.

Beim Einstiegsgehalt starten die Erzieherinnen nach einer üblicherweise drei Jahre dauernden Berufsausbildung und einem einjährigen Anerkennungspraktikum mit 2590 Euro im Monat. Verdi will, dass das Einstiegsgehalt auf künftig rund 2860 Euro steigt (ein Sprung von der Entgeltgruppe S6 in die Gruppe S10). Im Laufe der Jahre steigen die Erzieherinnen Stufe um Stufe auf und landen nach 16 Jahren bei 3290 Euro. Verdi will, dass es rund 3970 Euro werden. Erzieher können schon heute bei der Übernahme anspruchsvollerer Tätigkeiten — etwa von Koordinationsaufgaben — in höhere Gehaltsgruppen einsortiert werden und dann bis zu 3750 Euro beim Erreichen der letzten Gehaltsstufe erhalten. Kita-Leitungen können je nach Berufserfahrung und Einrichtungsgröße zwischen anfänglich 2405 und in der Spitze 4750 Euro verdienen. Letzteres aber nur nach 17 Jahren und in einer Einrichtung mit mehr als 180 Plätzen.

Nach Angaben der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) stehen die Erzieherinnen im Vergleich zu anderen Tätigkeiten des öffentlichen Dienstes mit ähnlich langer Ausbildung deutlich besser da (siehe Grafik). Auch das Institut der deutschen Wirtschaft kommt in einer aktuellen Auswertung zu dem Schluss, dass verglichen mit anderen Dienstleistern die Beschäftigten in Kitas und Vorschulen recht gut verdienten: Demnach kommen Arbeitnehmerinnen mit speziellen Fachkenntnissen in der Kita auf durchschnittlich 3764 Euro, im gesamten Dienstleistungsbereich bekommen Arbeitnehmerinnen mit dem gleichen Qualifikationsniveau nur 3741 Euro. Bei den Fachkräften mit Berufsausbildung ist der Unterschied noch deutlicher: Erzieherinnen kommen auf 2886 Euro, Arbeitnehmerinnen mit vergleichbarer Ausbildung im Dienstleistungssektor bekommen 2661 Euro.

Die Gewerkschaft argumentiert damit, dass die schlechten Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen "in auffälligem Widerspruch zur angekündigten Bildungsoffensive" stünden. Besonders scharf kritisiert Verdi, dass die VKA kein echtes Angebot vorgelegt hatte, sondern lediglich einen Vorschlag — und der umfasste Verbesserungen für weniger als ein Drittel der Beschäftigten. Zudem ist ein Vorschlag in der tarifpolitischen Fachsprache etwas anderes als ein Angebot. Ein Angebot gilt als verbindlich, der Vorschlag kann wieder vom Tisch genommen werden.

(maxi)