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Essen: Karstadt: Die große Wut auf Berggruen

Essen : Karstadt: Die große Wut auf Berggruen

Der als Retter angetretene Investor hat seinen Vertrauensvorschuss verspielt. Anonym wird er sogar als "Betrüger" und "Straftäter" bezeichnet. Auch sein Partner René Benko gerät in die Kritik, weil angeblich Mieten drastisch steigen.

Dass beim Warenhauskonzern Karstadt die frühere Begeisterung über den Miteigentümer Nicolas Berggruen teils in kalte Wut umgeschlagen ist, das ist nicht neu. Mittlerweile trifft der Zorn der Arbeitnehmer aber auch Berggruens Partner René Benko, über seine Immobilienholding Signa Mehrheitsgesellschafter der Sport- und der Premiumhäuser von Karstadt. Die Gewerkschaft Verdi klagt darüber, dass Benko im November zugesagt habe, dass er im Januar mit den Arbeitnehmer-Vertretern reden wolle, doch dann sei plötzlich mitgeteilt worden, dass die Gespräche weiterhin über die Karstadt-Geschäftsführung laufen sollten. Jetzt machen Spekulationen über Mieterhöhungen in Millionenhöhe für einen Teil der Karstadt-Filialen die Runde – und das in einer Zeit, in der Karstadt mit Umsatzrückgängen kämpft und steigende Kosten die Margen weiter drücken.

Der Unmut über Berggruen wächst schon länger. Dem Mann, der sich vor vier Jahren als Retter des Konzerns gerierte, werfen immer mehr Menschen vor, er habe immer nur Geld aus dem Unternehmen gezogen und nie investiert. "Nicolas Berggruen hat kaum eigenes Geld in Karstadt investiert. Selbst aus einer erneuten Pleite würde er mit Gewinn herausgehen", hat der Insolvenzexperte Frank Kebekus schon im vergangenen Jahr gesagt. Eine Perspektive, aus der man nicht auf die Idee kommt, Berggruen werde bis zum Letzten um das Überleben des Konzerns kämpfen.

Der Zorn wächst bei einigen offenbar ins Bodenlose: In einem anonymen Schreiben, dessen Verfasser sich "Die Karstadt-Angestellten" nennen, und das an den Generalbundesanwalt, den Bundesgerichtshof und den Europa-Parlaments-Präsidenten Martin Schulz adressiert ist, wird Berggruen jetzt als "großer Betrüger" und "Straftäter in großem Umfang" bezeichnet. Er habe die Angestellten und die Politiker getäuscht und vorsätzlich betrogen. Alles gipfelt in der Schlussfolgerung, alle Verträge seien nichtig, Karstadt müsse auf die Angestellten übertragen werden – wobei solche Forderungen natürlich ökonomisch unhaltbar sind und es auch nicht ausgeschlossen ist, dass sich einer oder mehrere als vermeintliches Sprachrohr der Belegschaft gerieren, die niemanden zu solchem Tun aufgerufen hat, das Schreiben somit gefälscht ist.

Wie auch immer – weder Berggruen noch Benko haben sich zu den Vorwürfen geäußert, und das macht das Miteinander nicht einfacher. Die Gewerkschaft Verdi nennt die Gespräche mit der Unternehmensführung über die mögliche teilweise Rückkehr Karstadts in die Tarifbindung "konstruktiv". Die Verhandlungen waren am Donnerstag abgebrochen worden. Sie sollen am 25. Februar und am 6. März fortgesetzt werden. Die schnellere Taktung der Gespräche solle auch die Ergebnisfindung beschleunigen, sagte Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch es schwindet langsam die Geduld. "Wir erwarten nach wie vor eine Beteiligung der Eigentümer zur Gesundung des Unternehmens, um die Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern", erklärte Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt.

(RP)