Analyse: Kanzlerin eröffnet die Auto-Messe IAA

Analyse : Kanzlerin eröffnet die Auto-Messe IAA

Die wichtigste Automesse der Welt ist auch die große Stunde der Lobbyisten. Sie fordern weniger scharfe Umweltauflagen.

Die Internationale Automobilausstellung (IAA), die bis übernächsten Sonntag (22. September) wieder rund eine Million Besucher nach Frankfurt locken wird, besteht aus drei Schichten. An der Oberfläche sorgen unrealistische Studien von Über-Autos und unbezahlbare High-End-Exoten für den Glamour, den das Publikum von der wichtigsten Automesse der Welt erwartet. Darunter handeln die 1100 Aussteller aus 35 Nationen in einem halboffiziellen Verfahren jene Branchentrends und Modelle aus, die sie für die aktuell wichtigsten halten. Auf diese "eigentliche" IAA sind die meisten Messestände ausgerichtet. Mit der Eröffnung der IAA durch die Bundeskanzlerin blitzte gestern kurz auch die dritte IAA-Schicht auf: ihre Funktion als Kampfbahn der Lobbyisten. Denn natürlich nutzt die deutsche Automobilwirtschaft diesen Moment der Stärke, um im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit auch ihre politischen Forderungen zu inszenieren.

Kaum etwas ärgert die Branche derzeit so sehr wie die Umweltschützer in Brüssel. Nach einem Gesetzentwurf der EU sollen die Neuwagen-Flotten der Hersteller in sieben Jahren im Schnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen. Für Massenhersteller mit ihren kleinen und mittelgroßen Autos, wie sie vor allem in Frankreich gebaut werden, ist das machbar. Für die deutschen Premiumhersteller mit ihren Zwei-Tonnen-Autos aber kaum. Ihre einzige Chance: Den Flottenschnitt mit ein paar Elektroauto-Angeboten drücken. Aber selbst damit sind die 95 Gramm für Audi, BMW, Mercedes und Porsche kaum zu schaffen.

Deshalb fordern die deutschen Anbieter jetzt, die Elektroautos bei der Abgas-Berechnung stärker zu gewichten, ihnen also sogenannte "Supercredits" zu erteilen, und davon möglichst viele. Die Kanzlerin reagierte gestern darauf mit Verständnis: "Wir dürfen unseren eigenen Herstellern nicht größere Lasten aufbürden als das andere Länder machen", sagte Angela Merkel (CDU). Es könne nicht sein, dass die deutschen Hersteller nur noch sparsame Kleinwagen bauen. "Zu Wachstum und Innovation gehören Autos aller Klassen." Das war der unverfängliche Teil ihrer Rede.

Im zweiten Teil fiel aber ein Satz, der Kennern den Konflikt verdeutlicht: "Das Ziel ist und bleibt, wir wollen bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße bringen", so die Kanzlerin weiter. Dieses schon vor Jahren ausgerufene Ziel wird immer unwahrscheinlicher. Von den 43 Millionen in Deutschland zugelassenen Pkw hatten Anfang des Jahres 72 000 einen Elektro- oder Hybridmotor. Auch im ersten Halbjahr 2013 wurden nur 2477 neue Stromer zugelassen – davon mehr als ein Drittel von den Autoherstellern und Händlern selbst. Das bedeutet: Um die noch fehlenden 925 000 Elektroautos in den nächsten sieben Jahren auf die Straße zu bekommen, müssen die Verkäufe drastisch steigen. Dafür sollten die Hersteller möglichst viele Elektro-Modelle anbieten – Konkurrenz belebt das Geschäft. Die von der Branche geforderten "Supercredits" für Elektroautos bremsen aber das Angebot: Wenn die wenigen E-Autos in der Abgas-Wertung der EU einfach stärker gewichtet werden, entfällt für die Branche ein wichtiges Motiv, möglichst viele neue E-Modelle anzubieten.

Kritiker sagen, das Elektroauto sei ohnehin der am meisten überschätzte Auto-Trend der letzten Jahre. Die Zulassungszahlen geben ihnen recht. Zwar machen die Hersteller mit dem inzwischen stark verbilligten Opel Ampera, dem neuen Elektro-Star BMW i3 und dem E-Golf inzwischen gute Angebote. Aber die Preise sind noch zu hoch für den Massenmarkt. Ohne politischen Druck, so viel ist klar, wird sich das Elektroauto nicht durchsetzen. Die Politik hat zwei Hebel: Sie kann die Hersteller zu entsprechenden Angeboten zwingen – etwa über Auflagen wie das 95-Gramm-Regime. Oder sie manipuliert die Nachfrage nach oben: Mit Subventionen für Elektroautos (unwahrscheinlich), Privilegien für Elektroauto-Fahrer wie Sonderparkplätze oder Nutzungsrechte für Bus- und Taxispuren (wahrscheinlich) oder mit der künstlichen Verteuerung von Verbrennungsmotoren über höhere Steuern oder eine Pkw-Maut (sehr wahrscheinlich).

(RP)