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Johannes Teyssen: "Die Pläne der großen Koalition werden Strom teurer machen"

Interview : "Die Pläne der großen Koalition werden Strom teurer machen"

Das Samstags-Interview mit Eon-Chef Johannes Teyssen.

Was halten Sie vom Koalitionsvertrag von Union und SPD?

Teyssen Er enthält viele Wohltaten, die mit hohen Kosten verbunden sind. Man darf gespannt sein, wie die neue Regierung das finanzieren will. Vor allem lässt er viele Fragen offen. Zu über 70 Punkten enthält er Prüfaufträge, allein in der Energiepolitik wurden fast 20 formuliert. Hier hätte ich mir mehr Klarheit gewünscht.

Immerhin enthält er den Satz, Kohle- und Gas-Kraftwerke seien auf absehbare Zeit unverzichtbar ...

Teyssen Das ist ja auch so. Doch auf Dauer ist kein Brennstoff unverzichtbar. Wichtiger wäre es gewesen, Klarheit darüber zu schaffen, welchen Kostenanstieg die Koalition bei den Erneuerbaren Energien akzeptieren und dem Stromkunden zumuten will.

Die Koalition hat das Ausbau-Ziel festgelegt. Bis 2025 sollen 45 Prozent des Ökostroms aus Erneuerbaren Energien kommen. Ist das machbar?

Teyssen Technisch ist es kein Problem, dieses Ziel zu erreichen. Doch die Frage ist, zu welchem Preis. Schon jetzt leiden Unternehmen und private Haushalte unter den steigenden Stromkosten.

Um Kohle- und Gaskraftwerken zu helfen, will die Koalition einen Kapazitätsmarkt einführen, bei dem der Kunde allein für die Bereitstellung von Kraftwerks-Kapazität zahlt. Braucht Eon Subventionen?

Teyssen Hier geht es nicht um Subventionen, sondern um eine Versicherungsprämie für jederzeit zuverlässige Versorgung. Wir wollen — wie andere Versorger auch — dafür bezahlt werden, dass wir stets genug Kraftwerke vorhalten, so dass die Versorgungssicherheit garantiert ist. Eine solche Prämie gibt es in vielen Ländern, auch in Deutschland wurde über viele Jahrzehnte ein Preis für das Vorhalten von Kraftwerksleistung einerseits und für die produzierte Energie andererseits gezahlt.

Wie hoch muss die Prämie ausfallen, damit genug Kraftwerke am Netz bleiben?

Teyssen Darüber möchte ich nicht spekulieren. Entscheidend ist, dass ein wettbewerblich und technologieneutral gestalteter Kapazitätsmarkt die Versicherungsprämien minimiert. Die Kosten für die Erneuerbaren, die die Stromkunden jährlich zahlen müssen, erreichen mittlerweile 24 Milliarden Euro. Die Versicherungsprämie für die Absicherung der Erneuerbaren Erzeugung wird mit Sicherheit nur einen Bruchteil dieser Summe erreichen.

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Wie viele Eon-Kraftwerke schreiben rote Zahlen oder verdienen ihre Kapitalkosten nicht mehr?

Teyssen Wir haben Anfang des Jahres angekündigt, dass wir gut 20 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von elf Gigawatt in Europa aus wirtschaftlichen oder technischen Gründen stilllegen werden. Die Stilllegungen sind zum Großteil bereits umgesetzt. Möglicherweise sind wir gezwungen, noch einige weitere Anlagen zu schließen. Generell betreiben wir keine Kraftwerke, die nicht zumindest ihre variablen Kosten für den Arbeitseinsatz und Brennstoffe verdienen. Angesichts der derzeitigen Markt-und Regulierungsbedingungen reichen die Erlöse vielfach nicht, um die Kosten für das eingesetzte Kapital zu verdienen.

Auch nicht die Atomkraftwerke?

Teyssen Mit der Kernbrennstoffsteuer sind auch Kernkraftwerke im derzeitigen Marktumfeld kaum mehr rentabel zu betreiben. Für Forderungen nach weiteren Belastungen für die Kernenergie habe ich daher kein Verständnis. Es ist gut, dass solche Vorschläge vom Tisch sind.

Unterm Strich: Wird Strom durch den Koalitionsvertrag teurer?

Teyssen Ich fürchte ja, die Pläne der großen Koalition werden Strom teurer machen. Der Rückgang der Großhandelspreise wird bei weitem nicht ausreichen, um den absehbaren weiteren Anstieg zu kompensieren. Schon heute entfallen nur etwa vier Cent der 28 Cent, die ein Haushalt pro Kilowattstunde zahlt, auf die Stromerzeugung. Um es im Bild zu sagen: Die Nebenkosten sind weit höher als die Miete. Eigentlich ist es Zeit, aus so einer Wohnung auszuziehen.

Eon leidet unter der Energiewende. Wie gut kommen Sie mit Ihrem Sparprogramm voran?

Teyssen Wir liegen im Plan. Konzernweit sind bereits 6000 der geplanten 11000 Stellen abgebaut. Darunter sind knapp 3330 Arbeitsplätze, die allein in Deutschland weggefallen sind. Die meisten Mitarbeiter sehen inzwischen, dass das Programm Eon 2.0 nötig war. Ohne Eon 2.0 würde unser Ergebnis um zwei Milliarden Euro einbrechen.

Was heißt das für die Zentrale in Düsseldorf?

Teyssen In Düsseldorf bleibt unsere Zentrale. Von den einst 600 Stellen werden wir hier auf 400 schrumpfen. Insgesamt hat der Raum Essen/Düsseldorf im Rahmen der Umstrukturierung aber eher neue Aufgaben und Stellen hinzugewonnen.

Was steht jetzt noch auf Ihrer Verkaufsliste?

Teyssen 2010 haben wir als Ziel ausgegeben, Beteiligungen für 15 Milliarden Euro zu verkaufen. Mittlerweile haben wir durch Verkäufe mehr als 18 Milliarden Euro erlöst. Nun stehen noch Urenco und die Vertriebsgesellschaft Eon Mitte auf unserer Verkaufsliste.

Durch die vielen Verkäufe haben Sie aber auch gute Gewinnbringer abgegeben ...

Teyssen ... sonst würden wir für die Töchter auch nichts bekommen. Aber es stimmt: Mit den Verkäufen haben wir Gewinne von zwei Milliarden Euro abgegeben. Doch zugleich konnten wir so unsere Schulden deutlich senken. Wenn Sie so wollen, ist Eon etwas geschrumpft, aber wir sind vor allem finanziell erheblich gesünder geworden.

Worauf müssen sich die Aktionäre künftig einstellen?

Teyssen Es gilt weiterhin die Regel, dass wir 50 bis 60 Prozent unseres nachhaltigen Nettoergebnisses ausschütten. So haben wir es festgelegt, darauf können sich unsere Aktionäre auch weiterhin verlassen.

Wann verdient Eon in Brasilien endlich Geld?

Teyssen Erst einmal sind wir froh, dass wir unsere Beteiligung in Brasilien aus der Insolvenz von Unternehmen der Batista-Gruppe heraushalten konnten. Dazu war viel Arbeit nötig. In drei, vier Jahren werden wir in Brasilien auch Geld verdienen.

ANTJE HÖNING UND REINHARD KOWALEWSKY FÜHRTEN DAS GESPRÄCH. DIE LANGFASSUNG FINDEN SIE UNTER WWW.RP-ONLINE.DE/WIRTSCHAFT

(RP)