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Nachfrage nach Fachkräften in fünf Jahren verdreifacht: Jeder siebte Pfleger kommt aus dem Ausland

Nachfrage nach Fachkräften in fünf Jahren verdreifacht : Jeder siebte Pfleger kommt aus dem Ausland

Die Pflegeanbieter suchen zunehmend nach ausländischen Fachkräften. Diese gelten als hoch motiviert. Deutschland konkurriert allerdings mit anderen attraktiven Ländern. Der Fachkräftebedarf ist gigantisch.

Füttern, Waschen, Wenden und Spazierengehen — für all diese in der Altenpflege notwendigen Tätigkeiten fehlen im gesamten Bundesgebiet die Fachkräfte. Selbst in strukturschwachen Gegenden im Osten wird dringend Personal gesucht, das die Alten in den Heimen und über ambulante Pflegedienste versorgt. Auf eine arbeitssuchende Fachkraft kommen beinahe drei offene Stellen.

"Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung müsste eigentlich jeder dritte Schulabgänger einen Pflegeberuf ergreifen", sagte Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Pflegeanbieter. Da dies unrealistisch sei, "brauchen wir dringend eine Zuwanderung von Pflegefachkräften".

Derzeit leben in Deutschland rund 2,5 Millionen pflegebedürftige Menschen. Rund 70 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt. Nach Expertenschätzung wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf 3,2 bis 3,4 Millionen Menschen steigen. In einigen Kommunen wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen sogar verdoppeln.

Mangelnde Akzeptanz der Familienpflegezeit

Nach und nach rutschen auch die Jahrgänge in die Pflegebedürftigkeit, die weniger Kinder bekommen haben oder deren Kinder weit weg von zu Hause arbeiten. Durch die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen stehen auch immer weniger Töchter und Schwiegertöchter zur Verfügung, die klassischerweise die Eltern pflegen, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Der eindeutige Trend daraus ist, dass die Zahl derjeniger sinkt, die zu Hause von Angehörigen versorgt werden.

Wie schwierig die Pflege von Angehörigen zu Hause ist, zeigt auch die mangelnde Akzeptanz der Familienpflegezeit. Nach dem von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Anfang 2012 eingeführten Gesetz können Angehörige ihre Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren und müssen in dieser Zeit dank eines Lohnvorschusses nur teilweise auf Einkommen verzichten. Bislang wurden dazu bundesweit nur 147 Anträge gestellt, wie aus einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung hervorgeht, die die Grünen gestern veröffentlichten.

Beide Entwicklungen — der Anstieg der Pflegebedürftigen und der Rückgang der familiären Betreuung — sorgen dafür, dass künftig zusätzliche Fachkräfte benötigt werden.

Wegen der hohen körperlichen Belastung, des geringen Ansehens und der schlechten Bezahlung geben zudem vergleichsweise viele Pflegekräfte ihren Beruf vorzeitig auf. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung könnten deshalb 2030 bis zu 500.000 Vollzeit-Pflegekräfte fehlen.

Auf der Suche in den Krisenländern

Die Rekrutierung neuer Fachkräfte aus dem Ausland erweist sich als mühsam und kann den Bedarf keineswegs alleine decken. Bei der Anwerbung konkurriere Deutschland mit anderen attraktiven Ländern wie denen Skandinaviens und den englischsprachigen Ländern. Hinzukommt, dass in Deutschland die Hürden, was die Qualifikation und die Sprachfähigkeit angeht, hoch sind. Gesucht werden die Fachkräfte rund um den Globus. "Gute Erfahrung haben wir in der Vergangenheit mit Pflegekräften von den Philippinen und aus den Ländern des Balkan sowie aktuell aus Spanien gemacht", sagte Meurer.

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), ein Ableger der Arbeitsagentur, rekrutiert derzeit Arbeitskräfte vor allem aus Europa — hauptsächlich aus den Ländern, "in denen zurzeit aufgrund hoher Arbeitslosigkeit ein hohes Bewerberpotenzial besteht", erklärte ein Sprecher. Das seien Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. In der Vergangenheit habe die ZAV zudem gute Erfahrung mit Pflegekräften aus Kroatien gemacht.

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit seit Mai 2011 sorgt dafür, dass auch mehr Arbeitswillige aus Osteuropa kommen. Allerdings bewegt sich der Zuzug insgesamt auf einem eher niedrigen Niveau, wie die Arbeitgeber in der Pflege ernüchtert feststellen mussten. Große Pflegeanbieter und ihre Berufsorganisationen werben mittlerweile gezielt vor Ort die Kräfte an. Zunächst werden die Zuwanderungswilligen in Sprachkursen geschult. Anschließend erhalten sie in dem Bundesland, in dem die Kräfte arbeiten sollen, fachliche Schulungen.

Vielfach springen die meist weiblichen Bewerber auch wieder ab, weil sie die Qualifikationen nicht schaffen oder zu sehr an Heimweh leiden. Wer aber erst einmal den Weg gefunden hat, erfährt als Arbeitskraft Wertschätzung. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Pflegefachkräfte, die mit realistischen Erwartungen aus dem Ausland zu uns kommen, meistens überdurchschnittliche Leistungen in ihrem Job bringen", sagte Meurer. Wer kommt, sei in der Regel "hoch motiviert".

Chance für über 40-Jährige

In welch kleinen Schritten die Rekrutierung der Fachkräfte aus dem Ausland läuft, zeigt auch ein Beispiel der ZAV. Seit diesem Monat versucht die ZAV in Kooperation mit Vermittlungsstellen in China 150 Kräfte für die Pflege in Deutschland zu gewinnen. Voraussetzung für die Bewerber ist, dass sie über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen und bereit sind, Deutsch zu lernen. In Kursen sollen sie auch auf die deutsche Kultur vorbereitet werden.

Von den Pflegekräften in den Heimen hat derzeit etwa jeder Siebte einen Migrationshintergrund. Bei den ambulanten Diensten haben elf Prozent ihre Wurzeln im Ausland. Der Großteil von ihnen lebt aber schon länger in Deutschland und ist nicht speziell für den Job zugewandert.

"Zu einer nachhaltigen Strategie gegen den Mangel gehört, dass wir gleichzeitig das inländische Potenzial noch besser ausschöpfen und die gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland vorantreiben", sagte der Vorstand der Bundesagentur, Raimund Becker. Als ein Meilenstein für das Rekrutieren von Fachkräften im Inland gilt der "Ausbildungspakt Pflege" der Bundesregierung, wonach in den nächsten drei Jahren jeweils zehn Prozent mehr Fachkräfte ausgebildet werden sollen.

"Insbesondere die Tatsache, dass wir nun Sicherheit über die Finanzierung des dritten Umschulungsjahrs und Verkürzungsmöglichkeiten für Umschüler mit Vorerfahrung haben, wird vielen die Entscheidung für die Umschulung zur Altenpflegefachkraft erleichtern", betonte Becker. Auch Arbeitskräfte und Berufswechsler jenseits der 40 sollen bei Interesse eine Chance auf Weiterqualifizierung erhalten.

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(qua)