Feier in Berlin: Ingo Kramer ist nun Arbeitgeber-Präsident

Feier in Berlin : Ingo Kramer ist nun Arbeitgeber-Präsident

Der 60-jährige Bremerhavener Unternehmer folgt Dieter Hundt nach, der nach 17 Jahren an der Spitze der Arbeitgeberverbände abtritt.

Wenn er nicht gerade geschäftlich unterwegs ist, rettet er Schiffbrüchige in der Nordsee. Für sein Ehrenamt als Seenotretter wird Ingo Kramer künftig allerdings noch weniger Zeit haben als bisher: Der 60-jährige Familienunternehmer aus Bremerhaven wurde gestern an die Spitze der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gewählt. Der vierfache Vater folgt auf den "ewigen Arbeitgeberpräsidenten" Dieter Hundt, der nach 17 Jahren abgetreten ist. Der 75-Jährige wurde Ehrenpräsident.

Kramer, der seit 30 Jahren als geschäftsführender Gesellschafter den weltweit tätigen Schiffsanlagenbauer J. Heinr. Kramer mit 260 Mitarbeitern in dritter Generation führt, hat heute seinen großen Auftritt als neuer Arbeitgeberpräsident: Auf dem Arbeitgebertag in Berlin wird er erstmals auf der großen Bühne sprechen — Bundespräsident Joachim Gauck, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und EU-Kommissar Günther Oettinger zählen zu seinen Zuhörern.

Mit Spannung wird erwartet, wie sich der Neue zu den laufenden Koalitionsverhandlungen positioniert. Auch der neue BDA-Chef dürfte einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro zwar strikt ablehnen, zumindest aber die nun geplante Tarif-Kommission aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern begrüßen, die künftige Mindestlöhne und voraussichtlich auch Ausnahmen davon festlegen soll. Auch bei der Zeitarbeit und Werkverträgen, die viele Industrieunternehmen nutzen, planen Union und SPD schärfere Regeln, die nicht auf den Beifall Kramers stoßen dürften.

Allerdings gilt der vierfache Vater nicht als Hardliner. Kramer war 1987 bis 1992 Chef der FDP-Fraktion in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung. "Kramer steht aber eher für die Werte der alten FDP wie Freiheit und Selbstständigkeit, weniger für Neoliberalismus", sagt ein Weggefährte. Er sei gewinnend und charmant, könne in Tarifverhandlungen aber knallhart sein.

Mit dem Abtritt von Dieter Hundt endet eine Ära. Hundt, der im baden-württembergischen Uhingen den Autozulieferer-Betrieb Allgaier Werke besitzt und führt, hat die deutsche Tarif- und Wirtschaftspolitik über Jahre geprägt. Ihn verbindet noch immer ein fast freundschaftliches Verhältnis zu Alt-Kanzler Helmut Kohl, aber er konnte auch gut mit dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Etwas distanzierter ist sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Hundt kritisierte vor allem die Energiewende der Kanzlerin, die für viele Unternehmen teuer wird.

Hundts größter Verdienst liegt schon etwas zurück. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende des VfB Stuttgart handelte 2004 den Ausbildungspakt mit der Bundesregierung aus, der bis heute existiert, allerdings die Zielrichtung geändert hat: Heute werden Lehrlinge gesucht, früher waren es Lehrstellen.

(mar)
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