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Düsseldorf: In NRW fehlen 100 000 Altenpfleger

Düsseldorf : In NRW fehlen 100 000 Altenpfleger

Für 2030 prophezeit eine Studie 41 Prozent mehr Pflegebedürftige. Die Branche sei schlecht vorbereitet, heißt es.

Der Anteil alter Menschen an der Gesellschaft wächst drastisch in Deutschland: Mehr als dreieinhalb Millionen Senioren werden in rund 17 Jahren auf Altenpflegekräfte angewiesen sein. Damit werde die Anzahl der Pflegebedürftigen allein in NRW bis 2030 um 41 Prozent steigen, bundesweit sogar um durchschnittlich 50 Prozent, heißt es im neuen Pflegereport der Bertelsmann-Stiftung, der gestern erschienen ist. Für Nordrhein-Westfalen bedeutet das: Ohne einen grundlegenden politischen Kurswechsel werden in NRW laut Studie bis zum Jahr 2030 fast 100 000 Altenpfleger fehlen – in Deutschland rund 500 000.

In weiten Teilen Nordrhein-Westfalens, vor allem im Ruhrgebiet, sieht die Bertelsmann-Stiftung große Lücken. Im Kreis Recklinghausen etwa werden der Prognose zufolge 2030 rund 4500 Vollzeitkräfte fehlen. In diese Zahl sind auch Nicht-Pflegekräfte einkalkuliert, die Heimen dann ebenfalls fehlen dürften, wie etwa Köche. Der Vize-Vorstandsvorsitzende des Johanneswerks in Bielefeld, Bodo de Vries, forderte in der Konsequenz einen klaren Vorrang für die Pflege alter Menschen in deren eigenem Zuhause und mehr staatliche Unterstützung bei der Ausbildung von Altenpflegern. An der fachlichen Ausbildung dürfe zudem nicht wesentlich gespart werden, so de Vries.

Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, sagte: "Der drohende Pflegenotstand ist längst bekannt; die Reaktionen reichen jedoch von schlichter Panikmache bis hin zur Vogel-Strauß-Haltung." Der Pflegereport solle auf die drohende Gefahr hinweisen. "Den Grundsätzen ,Rehabilitation vor Pflege' und ,ambulant vor stationär' muss auf allen Ebenen Geltung verschafft werden", forderte Mohn. "Wir brauchen darüber hinaus eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft."

Auch de Vries bezeichnete nachbarschaftliche Solidarität, die sogenannte quartiernahe Versorgung und neue Wohnformen für alte Menschen als "wesentliche Stoßrichtung". Nach diesem Szenario, das die Studie der Stiftung ebenfalls untersucht, würde sich die Lücke bei den Pflegekräften nahezu halbieren, auch in NRW.

Um den Engpass nicht noch zusätzlich zu verschärfen, wehrt sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gegen höhere berufliche Hürden für Pflegekräfte: "Es verbieten sich alle Vorschläge aus Brüssel, die vorsehen, dass man nur noch mit Abitur in die Pflege kommen darf. Das wäre ein Irrweg für Deutschland", sagte der Minister gestern in Berlin. "Wir brauchen auch Haupt- und Realschüler weiter als Pflegerinnen und Pfleger, sonst werden wir den künftigen Bedarf angesichts der alternden Bevölkerung nicht decken können", forderte Bahr. Der Vorschlag aus Brüssel müsse endlich vom Tisch.

Nach Plänen der EU-Kommission soll der Zugang zur Pflege-Ausbildung nur für Personen möglich sein, die zwölf Schuljahre absolviert haben. Einwände dagegen kamen auch aus dem Bundesarbeitsministerium.

"Wir warten dringend auf die Neuordnung der Pflegeberufe. Wir möchten, dass nicht mehr zwischen der Pflege von Kranken, Alten und Kindern unterschieden wird, sondern dass eine generalistische Ausbildung für den Pflegeberuf entsteht", forderte Bodo de Vries. Das erhöhe die Flexibilität.

Zugleich warnte de Vries davor, Lücken zunehmend mit nicht qualifizierten Arbeitskräften füllen zu wollen. "47,5 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind nach weniger als einem Jahr tot. Wir reden hier von Palliativversorgung, von Sterbebegleitung, von Trauerarbeit mit Angehörigen", sagte de Vries. "Das kann man nicht mal eben so nebenbei machen, wenn man es nicht gelernt hat."

Auch für Brigitte Döcker aus dem Vorstand der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist das Ausbildungskonzept entscheidend. "Der Personalnotstand kann (...) mit einer kostenfreien Ausbildung, die zudem attraktiv vergütet wird, abgeschwächt werden", sagte sie. Die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) vorgeschlagene Absenkung der Ausbildungszeit von drei auf zwei Jahre bewertete sie skeptisch.

Gegen einen solchen Schritt sprach sich auch die FDP aus. "Alte Menschen zu pflegen, lernt man nicht im Schnelldurchgang", sagte der FDP-Politiker Heiner Kamp. Allerdings sollten leistungsstarke Azubis nach einem Ausbildungsjahr die Möglichkeit bekommen, ein Jahr zu überspringen. "Das könnte andere Verkürzungsmöglichkeiten sinnvoll ergänzen."

(jd/dpa)