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H&M engagiert Prüfer in der Spitzelaffäre

Handel : H&M engagiert Prüfer in der Spitzelaffäre

Für den schwedischen Modekonzern könnte die vermutete Bespitzelung von Mitarbeitern drastische Konsequenzen haben.

Rund 60 Gigabyte Daten – das entspricht ungefähr dem Inhalt von sieben DVDs – sind beim schwedischen Modekonzern H&M am Standort Nürnberg sichergestellt worden. Daten, die aus Sicht von Datenschützern den Schluss zulassen, dass in der Nürnberger Kundenzentrale Mitarbeiter ausspioniert worden sind. Dem Unternehmen droht nun ein empfindliches Bußgeld. Theoretisch könnte dies bis zu vier Prozent des weltweitenUmsatzes betragen. Das wären im Fall H&M 900 Millionen Euro, doch diese Summe ist wohl utopisch. Ein Maßstab könnten die letzten prominenten Fälle im vergangenen Jahr sein: die Deutsche Wohnen, gegen die Berlins Datenschützer ein Bußgeld von 14,5 Millionen Euro verhängten, und der Telekommunikationskonzern 1&1 Telecom, der knapp zehn Millionen Euro zahlen sollte. Experten schätzen die Bußgeld-Höhe im Fall H&M auf mehr als 20 Millionen Euro. „Der Fall ist beispiellos in den vergangenen Jahren“, sagte unserer Redaktion Johannes Caspar, der Hamburger Datenschutzbeauftragte.

Zunächst hat das Modeunternehmen aber zwei Wochen Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Rühren sich die Beschuldigten nicht, könnte die Behörde nach Angaben von Caspar sofort ein Bußgeld verhängen. Möglich sei aber auch, dass H&M eine Fristverlängerung für eine Stellungnahme beantrage. Dazu hat sich der Konzern noch nicht geäußert. Auf Anfrage teilte er am Montag mit, es habe eine Untersuchung durch Mitarbeiter des Würzburger IT-Dienstleisters Datenschutz Süd gegeben. Diese Informationen seien an den Hamburger Datenschutzbeauftragten gegangen.

Aufgeflogen ist das Ganze offenbar durch eine „Fehlkonfiguration eines Ordnerbereichs“, wie es H&M selbst formuliert hat. Im Klartext: Es sollten eigentlich nur Führungskräfte Zugriff auf die sensiblen Daten haben; stattdessen konnten alle Beschäftigten in Nürnberg die Infos lesen. Die Kundenzentrale im Frankenland betreut das Online-Geschäft in Deutschland und Österreich. Ob auch andere Bereiche des Konzerns von Mitarbeiter-Spionage betroffen sein könnten, ist bisher nicht bekannt.

H&M ist kein Einzelfall, was das Ausspionieren von Mitarbeitern angeht. Auch nicht in der Modebranche. Im Mai des vergangenen Jahres ist die spanische Kette Zara unangenehm aufgefallen. Damals gab es Berichte darüber, Zara führe schwarze Listen mit Namen von Beschäftigten. Es ging um Abmahnungen, Krankheitstage, Diebstahlverdacht – und alle Informationen in den Dateien sollen offen zugänglich gewesen sein. Auch der Textildiscounter Kik stand schon mal unter Verdacht, Mitarbeiter ausspioniert zu haben.

Für H&M ist der aktuelle Datenskandal der zumindest vorläufige Schlusspunkt hinter eine Reihe von Negativschlagzeilen. Schon 2007 sahen sich die Schweden mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Baumwoll-Zulieferer aus Usbekistan unter dem Verdacht der Kinderarbeit stünden. Im Laufe der Jahre häuften sich die schlechten Nachrichten: angeblich unzumutbare Arbeitsbedingungen in Kambodscha, Steuervermeidung in Produktionsländern, schlechte Bezahlung und Knebelverträge in den europäischen Verkaufsfilialen. Dass H&M andererseits von Vebraucherinitiativen mit einer Goldmedaille für das Engagement als nachhaltiger Einzelhändler ausgezeichnet wurde, verblasste neben den schlechten Nachrichten.

Alles bittere Momente für einen Konzern, für den Frauen wie Gisele Bündchen, Lena Gercke, Laetitita Casta, Miranda Kerr und Vanessa Paradis Modell standen. Doch trotz der prominenten Models lief das Geschäft zwischenzeitlich nicht, weil H&M durch Online-Konkurrenten und preiswertere Wettbewerber wie Zara und Primark unter Druck stand – Schönheit allein ist noch kein Erfolgsgarant. Mittlerweile hat H&M in die Erfolgsspur zurückgefunden. Elf Prozent Umsatzplus im vergangenen Geschäftsjahr und ein Gewinn im dritten Quartal – erstmals nach zwei Jahren – gelten als Belege für die erhoffte Wende.