Henkel-Chef Hans Van Bylen kündigt höhere Preise an.

Henkel-Chef Van Bylen im Interview: „Wir müssen mutig sein“

Die Aktie schwächelte, ein Vorstand musste gehen, aber Henkel-Chef Hans Van Bylen setzt auf Angriff: Mehr Innovationen, Waschmittel im Online-Abo, neue Marken. Die neue Strategie erklärt er im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Van Bylen, die USA drohen mit einem Handelskrieg, die EU und China halten dagegen, wie sehr beunruhigt dies Henkel?

Van Bylen Henkel ist von den aktuellen Entwicklungen nicht direkt betroffen. Denn wir produzieren vor Ort für unsere Absatzmärkte weltweit. Aber ich beschäftige mich natürlich mit den möglichen Folgen für die Weltkonjunktur. Und hier gibt es schon Anlass zur Sorge. Denn Freihandel schafft Wachstum und Arbeitsplätze. Es gilt, einen Handelskrieg zu vermeiden.

Die USA sind Ihr wichtigster Markt mit einem Viertel des Umsatzes?

Van Bylen Ja, aber US-Importzölle würden uns direkt nicht treffen, weil wir 99 Prozent der in den USA verkaufen Waren dort mit rund 8000 Mitarbeitern herstellen. Aber einem Einbruch der Konjunktur könnten wir uns natürlich nicht entziehen. Doch dafür gibt es bisher noch keine Anzeichen. Auch deshalb halten wir an unseren Umsatz- und Gewinnprognosen für 2018 fest.

Was sagen Sie zum Streit der Berliner Koalition?

Van Bylen Ich würde mir wünschen, dass die Politik sich wieder mehr um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands kümmert. Wir müssen mehr für die Digitalisierung tun, für die Verkehrsinfrastruktur oder Bildung. Und gleichzeitig ist es für uns als Unternehmen wichtig, dass der Streit um die Flüchtlingspolitik nicht die EU entzweit. Wir brauchen ein geeintes Europa mit einem offenen Binnenmarkt.

Die USA wollen neue Sanktionen gegen den Iran. Zieht sich Henkel aus dem Iran-Geschäft zurück, um das US-Geschäft nicht zu gefährden?

Van Bylen Wir beobachten die Entwicklung genau. Wir machen im Iran weniger als ein Prozent unseres Umsatzes und beschäftigen dort weniger als ein Prozent unserer Mitarbeiter. Über mögliche weitere Entwicklungen möchte ich nicht spekulieren.

Die Henkel-Aktie hat sich seit Ihrem Amtsantritt rund zehn Prozentpunkte schlechter entwickelt als der Börsenindex Dax. Hat Henkel eine Krise?

Van Bylen Henkel ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen. Von Krise kann keine Rede sein. Der Umsatz lag 2017 erstmals über 20 Milliarden Euro, die bereinigte Umsatzrendite lag mit 17,3 Prozent so hoch wie nie, unser Börsenwert liegt mit fast 45 Milliarden Euro dreimal so hoch wie vor zehn Jahren und wir gehören zu den zehn wertvollsten Unternehmen im Dax. Die Aktien von Konsumgüterherstellern sind seit letztem Jahr unter Druck. Das hat auch unsere Aktie beeinflusst. Aber in diesem Jahr entwickelt sich Henkel wieder besser als der Dax.

Bekommen Sie Druck von den Eigentümern?

Van Bylen Uns verbindet das Ziel, den Wert des Unternehmens nachhaltig zu steigern. Dazu verfolgen wir eine klare Strategie und haben ambitionierte Ziele für die kommenden Jahre. Wir wachsen nachhaltig profitabel und investieren in unsere Zukunft.

Im November musste aber der für das Haarpflegegeschäft zuständige Vorstand gehen, im März meldeten Sie, in den USA ernsthafte Lieferprobleme zu haben.

Van Bylen Die Lieferschwierigkeiten in den USA liegen hinter uns. Wir haben schnell reagiert und die richtigen Maßnahmen ergriffen. Das zeigt, dass wir auch mit schwierigen Situationen gut umgehen können. Das gute Verhältnis zu unseren Handelskunden wurde dadurch nicht beeinträchtigt.

Hatten Sie zu ehrgeizig geplant?

Van Bylen Nein, aber die Umstellung des kompletten Logistiksystems für das Endkundengeschäft in den USA war ein extrem komplexes Projekt. Hinzu kamen Engpässe auf dem nordamerikanischen Logistikmarkt.

Was lernt man daraus?

Van Bylen Die Ereignisse in den USA zeigen, wie wichtig eine perfekte Logistik ist. Wenn wir nun unsere Investitionen von zwei auf drei Milliarden Euro im Vierjahreszeitraum bis 2020 erhöhen, wird ein guter Teil davon in die weitere Verbesserung unserer Produktions- und Lieferketten fließen. Von Düsseldorf aus versorgen wir beispielsweise halb Europa mit Waschmitteln. Deshalb haben wir hier mit beträchtlichen Investitionen ein modernes vollautomatisches Hochregallager errichtet.

Wie wichtig ist die Klebstoffsparte für die Zukunft von Henkel?

Van Bylen Sie macht die Hälfte des Umsatzes. Sie wächst am schnellsten – aus eigener Kraft und mit Akquisitionen - und ist hochprofitabel. Wir entwickeln hier Lösungen beispielsweise für die Auto- und Elektronikindustrie. So kommen wir zum Beispiel auf rund 300 Anwendungen für moderne Autos. Wir liefern Beschichtungen, Dichtungen für Sensoren, Klebstoffe für die digitalen Displays im Innenraum oder Lösungen für leistungsfähige Batterien. Was alles möglich ist, wird unser künftiges Innovationszentrum für Adhesive Technologies hier in Düsseldorf zeigen. Hier werden wir auf fast 50.000 Quadratmetern unseren Kunden aus aller Welt präsentieren, welche Fortschritte mit modernen Klebstofftechnologien möglich sind.

Die Sparte Beauty Care rund um Schwarzkopf bleibt Ihr Sorgenkind?

Van Bylen Richtig ist, dass wir mit bis zu zwei Prozent plus dort ein niedrigeres Wachstum erwarten als bei Laundry & Home Care und der Klebstoffsparte mit jeweils zwei bis vier Prozent. Aber wir haben bei Beauty Care ein exzellentes und hochmotiviertes Team.

Und jetzt?

Van Bylen Das Friseurgeschäft läuft sehr gut und macht inzwischen ein Viertel des Spartenumsatzes aus. Rund eine Milliarde Euro. Im Konsumentengeschäft herrscht hingegen ein intensiver Wettbewerb und hoher Preisdruck gerade in der Kategorie Pflege. Also wollen wir uns hier mit überzeugenden Produktinnovationen abheben.

Der Ölpreis steigt deutlich. Erhöhen Sie die Preise?

Van Bylen Wir rechnen mit insgesamt höheren Preisen vor allem in unserem Klebstoffgeschäft, weil wir die deutlich gestiegenen Einkaufspreise für Rohstoffe wie insbesondere Öl oder auch bestimmte Edelmetalle weitergeben müssen. Zugleich halten wir unsere Kosten und unsere Effizienz fest im Blick.

Wird deshalb das iPhone teurer?

Van Bylen Klebstoffe und andere Innovationen von Henkel stecken heute in fast jedem Smartphone, deren Preise letztlich aber von sehr vielen Faktoren abhängen.

Stichwort Effizienz. Kommt ein neues Sparprogramm wie 2008?

  • Düsseldorf : Henkel knackt 20-Milliarden-Euro-Marke
  • Düsseldorf : Lieferprobleme belasten Henkel
  • Düsseldorf : Henkel hat Lieferprobleme in USA

Van Bylen Wir prüfen kontinuierlich, wie wir unsere Prozesse und Strukturen effizienter gestalten können. Für ein neues, vergleichbares Sparprogramm sehe ich daher keinen Grund.

Die Digitalisierung ist ein zentraler Bestandteil ihrer Strategie. Wo stehen Sie hier?

Van Bylen Wir wollen die Digitalisierung von Henkel beschleunigen. Dazu bauen wir unsere digitalen Geschäfte weiter aus, investieren in Industrie 4.0 und treiben die digitale Transformation voran. Dabei kommen wir gut voran.

Aber werden Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz Tausende Henkel-Jobs unnötig machen?

Van Bylen Wir sehen die Digitalisierung als Chance für Henkel. Und wir wollen dabei unsere Mitarbeiter mitnehmen: Wir müssen sie weiterbilden, weil sich viele Arbeitsplätze verändern. Routinearbeit fällt weg, individuelles Arbeiten wird wichtiger. Wir haben schon rund 100 Robotics-Programme installiert, die einfache und standardisierte Büroaufgaben in den Shared-Service-Centern übernehmen.

Henkel will bis 2020 den digital erwirtschafteten Umsatz von zwei Milliarden Euro auf vier Milliarden Euro verdoppeln. Brauchen Sie dafür nicht einen Henkel-Shop im Web?

Van Bylen Für professionelle Kunden macht das Sinn. Wir haben unseren E-Shop für Klebstoffe gerade von Grund auf überarbeitet und erzielen damit im Jahr bereits einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Auch Friseure können im Shop von Schwarzkopf viele Produkte direkt online bestellen. Für private Verbraucher sehen wir das Onlinegeschäft bei unseren Partnern im Handel.

Weil Sie fürchten, von den Handelsriesen sonst aussortiert zu werden?

Van Bylen Nein, weil es effizienter ist, den Warenfluss beim Handel zu bündeln. Die Kunden wollen keine Lieferung eines einzelnen Waschmittelpaketes nach Hause. Das ist auch nicht nachhaltig. Da macht es mehr Sinn, wenn ein ganzer „Warenkorb“ mit den unterschiedlichsten Produkten verschickt wird. Für uns wäre ein solcher Einzelvertrieb unserer Produkte auch viel zu aufwändig und teuer.

Interessanterweise stoppten Sie eine Kooperation mit Amazon, bei der Kunden mit einem kleinen Funkbutton Persil nachbestellen können.

Van Bylen Das war ein interessanter Versuch. Aber wir sehen, dass die Verbraucher Produkte wie Persil oder Somat eher im Abonnement beziehen wollen. Das ist einfacher und bequemer. Den Dash-Button von Amazon für Persil bieten wir derzeit nicht mehr neu an. Bestehende Kunden erhalten aber weiter ihre Bestellungen.

Benötigt Henkel mehr Impulse von außen für Innovationen?

Van Bylen Wir sind stolz auf unsere Innovationskraft, aber wir müssen uns auch nach außen öffnen. Darum haben wir zum Beispiel nun mehr als 100 externe Mentoren, mit denen sich Mitarbeiter über digitale Projekte austauschen. Wir investieren auch mit Venture-Capital in junge Firmen — 75 Millionen Euro des dafür geplanten Budgets von 150 Millionen Euro sind bereits vergeben.

Brauchen Sie im Internetzeitalter eher mehr Marken oder weniger?

Van Bylen Wir haben derzeit rund 300 Marken und das ist auch eine gute Größenordnung. Einerseits wollen wir unsere Top-Marken weiter stärken, damit wir uns auch im digitalen Zeitalter gut durchsetzen. Wenn Verbraucher künftig über Sprachassistenten wie Alexa oder Siri ein Waschmittel bestellen, ist für uns wichtig, dass Persil zuerst genannt wird. Bedenken Sie: Wir machen schon heute über 60 Prozent unseres Umsatzes mit zehn Top-Marken. Wir haben also sehr starke Marken.

Und andererseits?

Van Bylen …brauchen wir auch kleine lokale Marken mit einer besonders hohen Authentizität, um Trends aufzugreifen Das ist beispielsweise die Pflegeserie Barnängen. Wir haben die Marke 1992 in Schweden gekauft, sie ist dort Marktführer und wird auch vom Königshaus genutzt. Nun kommt Barnängen auch in Deutschland gut an.

Neue Marken als Experiment?

Van Bylen Wir müssen immer mutig und innovativ sein. So haben wir in den USA die Haarcolorationsmarke Mydentity geschaffen und dabei mit dem in der Friseurwelt populären Influencer Guy Tang zusammengearbeitet. Das läuft sehr gut. In China verkaufen wir über die Online-Plattform Alibaba extrem erfolgreich Haarpflegeprodukte. So ist Alibaba inzwischen weltweit der fünftgrößte Vertriebspartner unserer Beauty Care Sparte.

Brauchen Sie Zukäufe, um weiteres Wachstum zu erreichen?

Van Bylen Wir wollen organisch wachsen. Aber auch Akquisitionen sind ein wichtiger Teil unserer Strategie. Wir haben in den letzten zwei Jahren 6,3 Milliarden Euro in Übernahmen gesteckt und haben auch jetzt noch eine sehr gesunde Bilanz. Wir haben bei der Integration neuer Firmen viel Erfahrung und sind dabei sehr erfolgreich. Die neuen Mitarbeiter bleiben zum großen Teil und die neu erworbenen Geschäfte entwickeln sich sehr gut bei Henkel.

Die weltweit abgerutschten Börsenkurse könnten Ihnen Zukäufe erleichtern.

Van Bylen In allen drei Sparten haben unsere Experten mögliche Akquisitionsobjekte im Blick. Ein Zukauf muss strategisch passen, der Preis muss angemessen sein - und das Unternehmen muss verfügbar sein.

Wie wichtig ist für Henkel das neue Engagement bei Fortuna Düsseldorf?

Van Bylen Für uns ist das ein weiterer Ausdruck der starken Verbundenheit zu unserem Heimatstandort. Wir investieren hier jedes Jahr mehr als 100 Millionen Euro. Das Engagement bei Fortuna in der Bundesliga ist auch ein Zeichen für, die mehr als 5000 Mitarbeiter am Standort, von denen ja viele begeisterte Fortuna-Fans sind.

Wie lautet das Ziel?

Van Bylen Klassenerhalt ist das Minimum. Ich werde auch öfters selbst im Stadion sein, um die Fortuna anzufeuern.

Wohl 2021 läuft Ihr Vertrag aus. Wollen Sie dann verlängern?

Van Bylen Darüber denke ich nicht nach. Ich widme mich mit vollem Engagement meiner Aufgabe als Henkel-Chef und habe noch viel vor.

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