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Heinz-Horst Deichmann - Tod einer Legende

Essen : Deichmann - Tod einer Legende

Der Schuhketten-Milliardär Heinz-Horst Deichmann wurde 88 Jahre alt. Er galt stets als Inbegriff des sozialen Unternehmertums.

Wie so oft spielt auch diese große Unternehmergeschichte im Ruhrgebiet. Dort, wo schon die Leben von Alfred Krupp und Berthold Beitz, von Theo und Ernst Albrecht, von Franz Haniel und Otto Beisheim erzählt wurden. Sie alle gelten als große Persönlichkeiten, die als Eigentümer und/oder Manager nicht nur Unternehmen, sondern ganze Regionen und sogar die deutsche Geschichte prägten. Das Attribut "bekennender Christ" indes zeichnet keinen von ihnen so sehr an wie Heinz-Horst Deichmann - den Mann, der die gleichnamige Kette zu Europas größtem Schuhhändler formte, und der am Donnerstag 88-jährig gestorben ist. Der Sohn des Firmengründers Heinrich Deichmann galt vielen als Inbegriff des sozialen Unternehmertums. In der Online-Fassung des "Handelsblatt" erschien Ende 2005 kurz nach Deichmanns 79. Geburtstag ein Beitrag mit der Überschrift: "Die Firma muss dem Menschen dienen."

Treffender geht's kaum, auch wenn Spötter aus solchen Sätzen gern eine aus ihrer Sicht zu große Portion Naivität herauslesen. Doch Deichmann war alles andere als naiv. Das von ihm aufgebaute Schuh-Imperium ist profitabel. Es hat Milliarden abgeworfen und ihn zum reichen Mann gemacht, und einen beachtlichen Teil davon hat der Eigentümer für soziale Zwecke eingesetzt. Nie stand er unter dem Verdacht, dies alles als unternehmerischer Selbstvermarktung betrieben zu haben. Stets galt christlicher Glaube als Motiv für sein Handeln.

Deichmann bekam den NRW-Verdienstorden und das Große Bundesverdienstkreuz verliehen, die Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität und der kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, dazu Handels- und Unternehmerpreise. Er sponserte Hilfsprojekte in der Dritten Welt und spendete 15 Millionen Euro für die Opfer der Tsunami-Katastrophe 2004. Und mit jedem Teil der Aufzählung wachsen die Zweifel, ob man nicht noch mehr nennen sollte, um der Vielfalt der Person gerecht werden zu können.

Dabei reicht schon die Firmengeschichte des Ruhrpott-Aufsteigers, um Deichmann zur Unternehmer-Legende werden zu lassen - nach der typischen, traurigen Kinder- und Teenager-Zeit in den Kriegswirren der 30er- und 40er Jahre. Heinz-Horst wird als Sohn eines Schuhmachers geboren, er ist Flakhelfer im Krieg, er muss an die Ostfront, wird schwer verwundet, kehrt heim, wird gesund und macht Abitur. Danach beginnt das Besondere. Denn Heinz-Horst Deichmann steigt erst mal nicht in den Schuhladen ein, den seine Mutter seit dem frühen Tod des Vaters führt. Nein, er studiert Theologie in Bonn und Medizin in Düsseldorf , wird schließlich promoviert. Die Akademiker-Karriere scheint vorgezeichnet, ehe Deichmann 1956 nach Essen zurückkehrt. Mit ihm beginnt die Entwicklung des Unternehmens vom mittelgroßen Familienbetrieb zu Europas größtem Schuhhändler mit weit über 30 000 Mitarbeitern und annähernd fünf Milliarden Euro Umsatz. Für die einen ist Deichmann in den Nachkriegs-Jahrzehnten ein verpönter Billiganbieter, anderen gilt die Kette als familien-geeignete preiswerte Alternative zu teuren Marken. Deichmann geht nach Skandinavien, auf die britische Insel, nach Süd- /Osteuropa und in die USA, gewinnt die Model-Ikone Cindy Crawford und Hollywood-Star Halle Berry als Werbeträger, übernimmt Traditionsmarken wie Gallus und Elefanten. Da hat Heinz-Horst Deichmann die Unternehmensführung schon längst an seinen Sohn Heinrich Otto übergeben. Doch sein Name bleibt immer mit der Geschichte des Konzerns verbunden.

(RP)