1. Wirtschaft

HDE-Verband befürchtet Umsatzeinbrüche im Einzelhandel durch Inflation

Konjunkturlage : Einzelhandel besorgt wegen Inflation

Die Branche rechnet für das laufende Jahr preisbereinigt mit einem Umsatzminus von zwei Prozent. Am stärksten leiden stationäre Händler. Aber auch das Wachstum im Online-Geschäft flacht ab.

Der deutsche Einzelhandel wird nach Einschätzung des Branchenverbandes HDE 2022 etwa drei Prozent mehr umsetzen als im vergangenen Jahr, aber das Plus dürfte er zum überwiegenden Teil den Preissteigerungen in diesem Jahr zu verdanken haben. Real werde der Umsatz voraussichtlich um zwei Prozent sinken, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Im stationären Handel sieht das Bild den Angaben zufolge sogar noch schlechter aus. Dort ergibt sich real ein Umsatzminus von rund 3,5 Prozent (nominales Wachstum von 1,4 Prozent). Allein im Onlinehandel bleibt auch preisbereinigt ein Plus von neun Prozent. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Lebensmittel so viel teurer geworden sind, die im Onlinegeschäft nur eine untergeordnete Rolle spielen, weswegen dort das Umsatzwachstum weniger stark gebremst wird.

Aber auch bei den Verkäufen über den eigenen Onlineshop oder Plattformen flacht die Wachstumskurve deutlich ab: Im vergangenen Jahr hat dieser Bereich noch 19 Prozent zugelegt, in diesem Jahr werden es nominal lediglich 12,4 Prozent sein. Gleichzeitig verkauft mehr als die Hälfte der Einzelhändler gar nicht auf diesem Weg.

Die zu Jahresbeginn geäußerte Hoffnung, im gesamten Handelsgeschäft preisbereinigt wenigstens keinen Umsatz zu verlieren, schwindet also. Ein Grund für die deutlich geringere Konsumlust der Menschen ist der Wegfall vieler Corona-Beschränkungen, der es vielen leichter macht, zu reisen. Darauf hat so mancher in den beiden vergangenen Jahren verzichtet oder verzichten müssen. Das Geld, das für den Urlaub ausgegeben wird, fließt dann nicht mehr in den Einkauf, was vor allem der Nonfood-Handel zu spüren bekommt. Da hilft es auch nicht, dass die Beschäftigungszahlen steigen und die Sparquote wieder sinkt.

Bei größeren Einkäufen regiert dann oft die Vorsicht, zumal derzeit niemand sagen kann, ob durch die Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die gestörten Lieferketten die Waren nicht noch deutlich teurer werden. In einer HDE-Umfrage hat jedenfalls jede(r) vierte Befragte gesagt, dass er oder sie Angst habe, mit dem Geld nicht auszukommen. In der Gruppe derer, die über ein Nettoeinkommen von weniger als 2000 Euro verfügen, war es sogar die Hälfte. Eine Gruppe, die nach Angaben von Genth immerhin 30 Prozent aller Haushalte stellt. Bei den Lebensmitteln gerieten vor allem Bioware, regionale Ware und Fair-Trade-Produkte unter Druck – also Lebensmittel, für die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel mehr zu zahlen bereit sind.

  • Der Detektiv einer Sicherheitsfirma stellt eine
    Große Schäden für Einzelhandel : Prävention verhindert Ladendiebstahl kaum
  • Das Logo einer Aldi-Süd-Filiale (Archivfoto).
    Trotz Inflation : Aldi senkt die Preise für Fleisch
  • Wegen Personalmangel muss der Chef auch
    Einschränkungen im Service unvermeidlich : Frische Brötchen nur noch samstags

Keine wirklich gute Perspektive also für die Branche, in der die Unternehmen, wie viele andere, doppelt unter dem extremen Anstieg der Energiepreise leiden: Erstens kaufen die Kunden weniger, weil sie womöglich Rücklagen für Gas- und Stromrechnungen bilden, zweitens ist auch die Kostenbelastung der Einzelhändler deutlich gestiegen. Genth verdeutlicht dies an einem Beispiel: „Ein Supermarkt mit einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern, der vorher für Strom 80.000 Euro pro Jahr gezahlt hat, muss jetzt 140.000 Euro aufbringen.“ Und das kann vor dem Hintergrund, dass ab dem 11. Juli vorerst kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 fließt (wegen der Wartungsarbeiten, aber vielleicht auch länger), durchaus noch mehr werden. Es sei auch nicht auszuschließen, dass einzelne Unternehmen bei noch größerem Gasmangel und weiter steigenden Preisen schließen müssten, so Genth.

Also soll der Staat auch dem Handel helfen – durch Maßnahmen, die in den vergangenen Wochen schon intensiv diskutiert worden sind: eine Deckelung bei den Gaspreisen, eine vorübergehende Absenkung der Stromsteuer, eine Öffnung des KfW-Kreditprogramms für den Handel. Dieses Programm hat als Zugangsvoraussetzung, dass der Energiekostenanteil drei Prozent vom Umsatz beträgt. Dies schließe in der Praxis Einzelhandelsunternehmen weitgehend aus, so Genth, der von Energiekosten in Höhe von 1,5 Prozent spricht. Er fordert eine Abschaffung der kalten Progression und betont: „Der Staat darf an der Inflation kein Geld verdienen“. Zudem forderte er zielgerichtete Hilfen für Haushalte mit schwächerem Einkommen. Dass Unternehmen den Beschäftigten in der Krise mit einer Pauschalzahlung helfen, müsse eine freiwillige Leistung bleiben, so Genth.

Einstweilen bleibt die Stimmung in der Branche angespannt: Laut einer aktuellen Umfrage des HDE unter 800 Mitgliedsunternehmen rechnen 45 Prozent im zweiten Halbjahr mit einer Verschlechterung der Geschäftslage gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Nur noch jedes fünfte Unternehmen erwartet demnach steigende Umsätze.