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Handel will dieses Jahr an jedem Sonntag öffnen

Ausgleich für Lockdowns : Handel will dieses Jahr jeden Sonntag öffnen

Der Branchenverband HDE will den stationären Einzelhandel nach der Corona-Krise beleben. Gewerkschaften und Kirchen laufen Sturm. Auch die Politik äußert sich zu dem Vorstoß.

Mit seinem Vorstoß in Sachen Sonntagsöffnung hat der Handelsverband Deutschland (HDE) Kirchen und Gewerkschaften erneut gegen sich aufgebracht. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth hatte gefordert, kurzfristig sollten die Händler zum Ausgleich für die langen Lockdowns für den Rest des Jahres sonntags öffnen dürfen. Gleichzeitig regte Genth an, die Sonntagsöffnung generell zu überdenken und eine Gleichbehandlung aller Bereiche zu gewährleisten: „In vielen anderen Wirtschaftsbereichen ist eine Sonntagsöffnung vollkommen selbstverständlich. In Restaurants und Gaststätten gehört es zum Alltag, dass die Türen auch am Sonntag weit geöffnet sind.“

Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger warnte die Politik davor, Genths Vorschlag zu folgen: „Zusammen mit unseren kirchlichen Bündnispartnern in der Bundesallianz für den freien Sonntag werden wir uns mit allen Mitteln gegen diesen Generalangriff des HDE zur Wehr setzen.“

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sagte unserer Redaktion, man brauche pragmatische Lösungen zur Sonntagsöffnung, um den von der Pandemie hart getroffenen Einzelhändlern und Gastronomen eine Perspektive zu eröffnen. „Dazu gehört auch, dass die Kommunen ihre Spielräume nutzen und geordnete Veranstaltungen mit entsprechenden Hygienekonzepten genehmigen.“ Eine positive Begleitung durch die Sozialpartner wäre ebenso hilfreich.

„Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen trifft im Zuge der Corona-Pandemie jeden Tag außergewöhnliche Entscheidungen“, sagte NRW-Kommunalministerin Ina Scharrenbach (CDU): „Zur Sicherung des Handels und der Beschäftigung wäre es mehr als wünschenswert, wenn die Gewerkschaften in außergewöhnlichen Zeiten auch die Bereitschaft entwickeln, außergewöhnliche Entscheidungen zu treffen.“

Doch nicht nur Verdi, auch die Kirchen lehnen Genths Idee ab. „Bei allem Verständnis für die berechtigten Interessen des Einzelhandels ist eine völlige Freigabe des Sonntags kein Allheilmittel für die Rettung der Innenstädte“, sagte Antonius Hamers, Leiter des katholischen Büros in NRW: „Natürlich müssen wir uns, muss sich die Politik fragen, wie wir unsere Innenstädte zukunftsfest machen.“ Darüber hinaus dürfe man allerdings nicht vergessen, dass der Sonntag eine hohe religiöse, kulturelle und soziale Bedeutung habe, so Hamers: „Das alles für so weitgehende Ladenöffnungszeiten zu opfern, halte ich für falsch. Zumal es ja bereits ausreichend Ausnahmemöglichkeiten gibt.“

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FDP-Fraktionschef Christof Rasche sagte, der Vorstoß des Handelsverbandes zeige, wie groß das Potenzial verkaufsoffener Sonntage von Unternehmensseite eingeschätzt werde: „Als FDP-Landtagsfraktion ist es uns ein Anliegen, dass Sonntagsöffnung auch von den Beschäftigten vor Ort unterstützt wird. Da, wo beide Seiten Sonntagsöffnung für sinnvoll und möglich halten, sollten keine Steine in den Weg gelegt werden.“ Nachholende Öffnung nach dem monatelangen Lockdown sichere die Existenz von stationärem Handel und damit Arbeitsplätze: „Wir appellieren an die Gewerkschaft Verdi,von Klagen gegen verkaufsoffene Sonntage im Interesse der Beschäftigten abzusehen.“

Kompromissbereit zeigte sich Frank Sundermann, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD: „Wir haben großes Verständnis für die Situation im Handel. Im kommenden Halbjahr könnten daher durchaus mehr als die sonst übliche Anzahl an Sonntagen verkaufsoffen sein.“ Grundgesetzlich an der Sonntagsruhe rütteln will er aber nicht.