Hamburg-Altona: Ikea kommt in die Fußgängerzone

"Citystore" in Hamburg-Altona : Ikea kommt in die Fußgängerzone

Der Möbelriese Ikea geht neue Wege. In Altona eröffnen die Schweden am Montag ein Möbelhaus mitten in einer Fußgängerzone. Der Feldversuch "Citystore" findet weltweit Beachtung. Denn die ungewohnte Lage ist nicht die einzige Neuerung, mit der der Möbelriese auf sich wandelnde Kundenbedürfnisse reagieren will.

Die meisten Ikea-Möbelhäuser in ganz Deutschland sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Ein riesiger Flachbau am Rande eines Wohngebiets — stets in unmittelbarer Nähe einer Autobahn. Kunden werden mit Pfeilen durch eine große Möbelausstellung gelotst und sollen sich mit Papier und Belistift die Nummern notieren. Auf dem Weg zum Warenlager spazieren sie dann durch die Markthalle, wo vom Kochtopf bis zum berüchtigten Teelicht alles angeboten wird, was man so braucht — oder meint zu brauchen. So lief das bisher.

Nippes-Abteilung gleich am Eingang

In Hamburg-Altona probiert Ikea jetzt neue Wege aus. Die Schweden stellten den siebenstöckigen Bau nicht an den Stadtrand, sondern mitten in die Stadt. Und auch im Inneren versucht man neue Wege. Das Möbelhaus soll stärker als bislang nach Themenwelten organisiert sein. Die Bettwäsche findet der Besucher gleich neben den Bettgestellen, Töpfe und Geschirr befinden sich neben den Einbauküchen. Die vielleicht augenfälligste Veränderung: Die Nippes-Abteilung befindet sich gleich hinter dem Eingang.

Und auch das Möbelsortiment passt Ikea individuell an den Standort an. Im teuren Hamburg wohnen viele junge Leute in kleinen Mietwohnungen. Viele dieser Wohnungen sind Altbauten mit einer oder meheren Schrägen. Ebenfalls typisch für die Hansestadt sind Schiebetüren, die auch in kleinen Wohnräumen ein Esszimmer abteilen. Ikea will für diese Wohnkultur besondere Lösungen anbieten.

Öffentliche Verkehrsmittel immer beliebter

Ikea reagiert mit der Standortauswahl auf neue Trends in Sachen Mobilität. Ein eigenes Auto hat für viele junge Leute nicht mehr den Stellenwert wie vor 20 Jahren. Ein Effekt, der sich in einer teuren Stadt wie Hamburg noch verstärkt. Um sich die hohen Mieten und das schicke Leben leisten zu können, steigen immer mehr Hamburger dauerhaft auf Fahrrad, Bus und Bahn um. "Wir gehen davon aus, dass jeder zweite Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt", schätzt auch Christian Mollerus, der Chef des neuen Hauses.

Die Kunden finden deshalb in unmittelbarer Nähe S-Bahnen und Busse. Für den Transport der Einkäufe bietet Ikea ein ganzes Arsenal von Varianten, die sich am Mobilitätsverhalten in Großstädten orientieren: Es reicht von Miet-Lasttaxis und -Fahrradkurieren über den Verleih von Transport-Fahrrädern und Sackkarren bis hin zu einer Carsharing-Station auf den Parkdecks.

Ikea hofft zudem von einem weiteren, deutschlandweiten Trend zu profitieren. Während ländliche Regionen zunehmend Einwohner verlieren, wachsen die großen Metropolen - in Deutschland und erst recht weltweit. Die Unternehmen zögen daraus auch in Deutschland längst Konsequenzen, sagt auch Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung des Kölner EHI Retail Institute. "Die Innenstadt ist der Ort, zu dem sich der Handel hinorientiert."

Re-Urbanisierung mit Erlebnisfaktor

Der jahrzehntelang zu beobachtende Trend hin zum Wohnen auf dem Land und in Vororten habe sich umgekehrt. "Re-Urbanisierung" laute das Stichwort. Ein Report der EHI-Analysten ergab kürzlich, dass 39 von 45 in Deutschland neu entstehenden Einkaufszentren in Innenstädten gebaut werden. Auch Supermarktketten wie Kaufland, Rewe oder Penny ziehe es zunehmend mit kleineren Läden in urbanere Lage, ergänzt Atzberger. Der "Erlebnisaspekt" werde wichtiger.

Die zentrale Lage schafft aber auch ihre ganz eigenen Akzeptanz-Probleme. Zwar unterstützte die Hamburger Politik mit Ausnahme der Linken die Ikea-Ansiedlung in der bisher eher unattraktiven Nachbarschaft mit viel Leerstand. Aber es gab auch Proteste. "Kill Billy" lautete der Name einer der Aktionen, die auch in Sozialen Netzwerken Niederschlag fanden. Erst nach dem Erfolg eines von lokalen Geschäftsleuten unterstützten Bürgerentscheids wagte der Konzern letztlich den Bau.

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Und wie geht es weiter? Weitere Citystore-Projekte sind bei Ikea bisher noch nicht geplant, zunächst soll sich die neue Hamburger Pilot-Filiale im Alltag bewähren. "Wir wollen zunächst Erfahrungen sammeln", erläutert Ikea-Sprecherin Simone Settergren. Wie das Konzept ankomme, werde innerhalb des Konzerns global genau verfolgt: "Die Kollegen gucken alle mit sehr großer Spannung nach Hamburg."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ikea eröffnet Filiale in Hamburgs Innenstadt

(csi)
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