Guido Kerkhoff wird Vorstandschef von Thyssenkrupp

Hiesingers Nachfolger: Kerkhoff wird Thyssenkrupp-Chef auf Zeit

Der Aufsichtsrat votiert einstimmig für den Finanzvorstand – sucht aber weiter nach einer Dauerlösung. Auch die Krupp-Stiftung versucht, Druck vom Kessel zu nehmen.

Nach den chaotischen Zuständen beim Essener Industriekonzern Thyssenkrupp waren gestern alle Beteiligten um eine Beruhigung der Lage bemüht. Wichtigster Schritt dafür: Der Aufsichtsrat ernannte Finanzvorstand Guido Kerkhoff erwartungsgemäß zum Übergangs-Vorstandsvorsitzenden. Er übernimmt die Aufgaben von Heinrich Hiesinger, der in der vergangenen Woche entnervt das Handtuch geworfen hatte, nachdem im Aufsichtsrat der Rückhalt für seine Strategie bröckelte.

Kerkhoff bleibt in Amt und Würden, „bis der Aufsichtsrat den strukturierten Prozess zur Findung eines Nachfolgers für Dr. Heinrich Hiesinger abgeschlossen hat“, teilte der Konzern mit. Das Votum für Kerkhoff sei einstimmig gefallen – ein Zeichen dafür, dass auch der als aktivistisch geltende Investor Cevian, der im Kontrollgremium durch Jens Tischendorf vertreten wird, zumindest erst einmal wieder Ruhe einkehren lassen will. „Die Aufsichtsratsmitglieder sind sich einig, dass Thyssenkrupp vor allem Stabilität und Kontinuität braucht, um den eingeschlagenen Weg der Transformation erfolgreich fortsetzen zu können“, erklärte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner. Dafür habe Kerkhoff das volle Vertrauen des Gremiums.

Der Betriebswirt Kerkhoff sammelte erste berufliche Erfahrungen beim Dortmunder Energieversorger VEW (später mit RWE fusioniert) und beim Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann. 2002 heuerte er bei der Telekom in Bonn an. Dort galt er als Ziehsohn von Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, machte sich wohl auch Hoffnungen auf dessen Nachfolge. Doch Telekom-Chef René Obermann gab seinem Vertrauten Tim Höttges den Vorrang, als Eick zu seinem am Ende glücklosen Versuch aufbrach, den angeschlagenen Arcandor-Konzern vor der Insolvenz zu retten.

Kerkhoff dürfte das gewurmt haben. Er bekam zwar den Posten des Europa-Chefs. Doch der versierte Finanzfachmann wurde nicht so richtig warm mit seiner Aufgabe. Konzernintern wurde beklagt, es mangele ihm an Menschenkenntnis. 2011 wechselte er – nur wenige Wochen nach Hiesingers Amtsantritt – zu Thyssenkrupp.

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Dort war er darum bemüht, den durch seine abenteuerlichen Investitionen in Amerika stark angeschlagenen Konzern wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Die Eigenkapitalquote hat sich allerdings bis heute nicht erholt. Während der Verhandlungsgespräche über die geplante Stahlfusion mit Tata, die Kerkhoff maßgeblich mitverantwortete, zog er sich den Zorn der Stahlarbeiter zu, als er von ihnen schroff verlangte, sie müssten eine Zeit der Unsicherheit auch mal aushalten.

Kerkhoff gilt als bodenständig. Er lebt mit seiner Familie im Süden Essens nahe der Ruhr. Es kann vorkommen, dass man den frisch gebackenen Thyssenkrupp-Chef bei samstäglichen Erledigungen in der Stadt trifft, wenn er seine Oberhemden bei der örtlichen Wäscherei abholt und anschließend durch die Einkaufsstraßen in seinem Vorort schlendert.

Den Mitarbeitern signalisierte er gestern erst einmal Kontinuität: „Wir werden an unserem Kurs festhalten, das Unternehmen zu einem starken Industriekonzern umzubauen“, hieß es in einem Schreiben an die Mitarbeiter. Wichtig sei, den Konzern weiter nach vorne zu bringen und die angepeilten Ziele zu erreichen. Das gelte auch für die Umsetzung des Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel.

Signale der Beruhigung versuchte gestern auch die Krupp-Stiftung zu senden. Deren Vorsitzende, Ursula Gather, hatte mit ihrer Kritik an der Strategie den Rückzug Hiesingers wohl befeuert. Nach der Sitzung des Gremiums erklärte Gather, Kerkhoff genieße „unser volles Vertrauen“.

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