GoStudent-Gründer Felix Ohswald im Interview

Interview Felix Ohswald : „Wir wollen die globale Schule aufbauen“

Der Gründer der Lernplattform GoStudent über den perfekten Unterricht, Youtuber als Lehrer und Seiteneinsteiger an Schulen.

Mit 14 Jahren saß Felix Ohswald zum erstem Mal in einem Hörsaal der Universität Wien. Er besuchte dort die Mathematikvorlesungen. Der Schulstoff forderte ihn da schon lange nicht mehr. Mit 19 erhielt Ohswald nicht nur sein Abitur, sondern auch seinen Bachelor-Abschluss in Mathematik. Die Presse nannte ihn „Wunderkind“. Er wechselte an die Universität Cambridge, wo ihm die Idee für GoStudent kam. Der Wiener Venture-Capitalist Speedinvest verhalf dem Unternehmen Ende des vergangenen Jahres mit einer Finanzspritze von über 1,5 Millionen Euro zu weiterem Wachstum. Als Berater ist HelloFresh-Mitgründer Thomas Griesel mit an Bord. Die Expansion in andere Länder ist geplant.

Herr Ohswald, was macht für Sie den perfekten Schulunterricht aus?

Ohswald Der inspirierendste Unterricht war für mich früher immer der, bei dem der Lehrer die Begeisterung für das jeweilige Fach auch auf die Schüler übertragen hat. Bei mir war das damals mein Geschichtslehrer. Selbst wenn es draußen 35 Grad waren und die Schüler überhaupt keinen Bock auf Unterricht hatten, gelang es diesem Mann, uns alle zu fesseln. Solche Lehrer wird jeder von uns – hoffentlich – einmal gehabt haben. Das hat erst einmal gar nichts mit digital oder analog zu tun. Nur wenn ich mich für etwas begeistere, findet Bildung satt.

Und inwieweit spielt die Digitalisierung eine Rolle?

Ohswald Digitale Tools können der Lehrperson dabei helfen, die jungen Schüler zu begeistern.

Das setzt aber auch die Begeisterung der Lehrer für diese Tools voraus.

Ohswald Absolut. Die Lehrer müssen es pädagogisch betrachtet schaffen, die Schüler zu packen. Und das ist wirklich schwierig. Wer schon einmal vor einer Schulklasse gesprochen hat, weiß, wie schwer es sein kann, die Aufmerksamkeit junger Leute zu gewinnen und dann hochzuhalten. Aber hierbei können digitale Tools helfen. Wenn es beispielsweise darum geht, Geschichte zu vermitteln, kann der Lehrer in seinem Unterricht Ausschnitte aus Dokumentationen zeigen, er kann aber auch Computeranimationen verwenden, um zu schildern, wie etwas genau verlaufen ist. Dadurch wird Unterricht lebendiger. Als Lehrperson muss ich dafür natürlich offen sein. Wenn ich mich dagegen wehre, dann hilft das alles nichts.

Ein iPad allein macht noch keinen guten Lehrer aus.

Ohswald Nein. Nur zu sagen, ich statte die gesamte Schulklasse mit Tablets aus und dann wird der Unterricht auch besser, ist ein Irrglaube. Bei den unter 18-Jährigen besitzen rund 90 Prozent ein Smartphone. Ich könnte also die Frage stellen, ob es überhaupt notwendig ist, die Klasse mit Tablets auszustatten, wenn doch eh fast jeder ein Smartphone hat und digitale Inhalte abrufen kann. Die Lehrer müssen in ihrer Ausbildung lernen, wie sie digitale Tools im Unterricht einsetzen. Das geschieht bisher aber kaum. Das bekommen wir auch immer wieder von den jungen Lehrern gespiegelt, die bei uns bei GoStudent mitmachen. Weiterbildungen bei anderen Lehrern beispielsweise, die einem zeigen, wie man mit digitalen Mitteln den Unterricht erlebbarer macht, gibt es nicht. In Singapur ist eine IT-Ausbildung für Lehrer zum Beispiel verpflichtend. Ich finde auch, dass das Präsentieren vor größeren Gruppen in der Lehrerausbildung zu kurz kommt.

Können die Lehrer denn überhaupt mit der digitalen Affinität der Schüler mithalten?

Ohswald Das ist eine interessante Frage. In manchen Ländern diskutiert man ja genau wegen dieser digitalen Überlegenheit der Schüler darüber, die Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen. Verbote sind natürlich Unsinn. Für junge Menschen würde es so nur noch interessanter, das Smartphone im Unterricht zu nutzen. Ich denke, Lehrer können bei digitalen Angeboten sehr wohl mit den Schülern mithalten, wenn sie es denn ihrerseits beigebracht bekommen.

Sollte zum Lehrinhalt auch die Reflexion mit digitalen Medien gehören?

Ohswald Unbedingt. Wir Menschen unterscheiden uns von der Maschine auch durch kreatives Denken und kritisches Hinterfragen. Wir können uns selbst reflektieren. Das muss auch in der Schule Anklang finden. Beim Wissensschatz sind wir den Maschinen längst unterlegen. Wir müssen daher lernen, wie wir mit ihnen weiter umgehen, um sie stets zu beherrschen. Dazu zählt auch, dass ich Schülern erkläre, warum ihnen bei Facebook oder Instagram bestimmte Beiträge eher angezeigt werden als andere – und inwieweit das die Meinungsbildung beeinflusst.

Was halten Sie von Youtube als Lernplattform?

Ohswald Youtube und andere Videotutorials als Lernplattform sind absolut sinnvoll, aber nur in Kombination mit richtig gutem Coaching. Vergleichen Sie es mit einem Personal Trainer. Er zeigt Ihnen eine Vielzahl von Fitnessübungen auf Youtube, aber seine physische Präsenz und sein persönliches Coaching bringt die zusätzliche Motivation und Anleitung. Ohne Trainer werden Sie möglicherweise die Übungen zwar ansehen, aber am Ende doch auf der Couch liegen bleiben.

Inwiefern könnte der digitale Wandel etwas gegen den Lehrermangel tun?

Ohswald Die fehlenden Lehrer sind vielerorts wirklich ein großes Problem. Dadurch findet kein individueller Unterricht statt, der aber immer wichtiger wird. In einigen Großstädten Chinas werden die besten Lehrer aus der Umgebung per Livestream in die Klassen geschaltet. Das ist bisher noch in der Testphase, aber ein sehr spannendes Projekt. Denn ich bin geografisch unabhängig von der Lehrperson. Da wo zum Beispiel Mathematiklehrer fehlen, könnte ich diese aus Peking per Livestream in den Unterricht schalten. In der Klasse selbst ist dann auch noch eine Lehrperson physisch anwesend, die aber mehr die pädagogische Moderation übernimmt und kontrolliert, ob die Schüler die Aufgaben machen.

In Deutschland setzen die Schulbehörden derzeit auf Seiteneinsteiger, um dem Lehrermangel Herr zu werden. Was halten Sie davon?

Ohswald Grundsätzlich eine interessante Idee. Es gibt ja das internationale Netzwerk „Teach for all“. Hochschulabsolventen unterrichten in dessen Rahmen zu zweit in Schulklassen, hauptsächlich in Problemvierteln. Die Lehrkräfte müssen einen pädagogischen Crashkurs durchlaufen. Das erinnert mich ein bisschen an das Konzept der Seiteneinsteiger. Wir bei GoStudent haben rund 300 Nachhilfelehrer. Die meisten davon sind Studenten, die aber nicht auf Lehramt studieren, sondern eine spezielle Fachrichtung. Diese Lehrer werden bei uns für den Gruppen- und Einzelunterricht geschult. Denn das ist es ja das, was man letzten Endes möchte: Lehrer, die fachlich sehr stark sind und auch noch gut unterrichten können. Deshalb finde ich es gut, sich nicht ausschließlich auf die spezifische Gruppe der Lehrer, die auf Lehramt studiert haben, zu fixieren. Gleichwohl ist es mir wichtig, dass man den Beruf des Lehrers aufwertet.

Sie meinen monetär?

Ohswald Ja, aber nicht ausschließlich. Auch die gesellschaftliche Bedeutung dieses Berufs muss stärker in den Fokus rücken. Lehrer bilden die kommende Generation aus.

Unterrichten Sie selbst noch bei GoStudent?

Ohswald (lacht) Hin und wieder, ja. Aber nicht regelmäßig. Trotzdem ist es für mich spannend zu sehen, wie die Werkzeuge, die wir den Lehrern für den Unterricht mit an die Hand geben, funktionieren.

Was ist Ihre Vision mit GoStudent?

Ohswald Wir wollen eine globale Schule aufbauen, die Schüler jedweden Alters mit den idealen Tutoren verbindet. Nachhilfe ist nur der erste Schritt in dieser Kette. In Europa gibt es 70 Millionen Schüler im Alter zwischen sechs und 18. Von diesen 70 Millionen nehmen je nach Land 30 bis 50 Prozent Nachhilfe. Da komme ich also circa auf eine Zahl von 30 Millionen. Unser Ziel ist es, davon so viele Schüler wie möglich zu erreichen. Im zweiten Schritt, nach der Schule, kommen dann die Skills hinzu, die es braucht, um in der Berufswelt zu bestehen.

Was sind Ihre nächsten Meilensteine?

Ohswald Wir wollen den Gruppenunterricht stärker ausbauen, so dass wir ihn auch noch billiger anbieten können. Auch wollen wir unseren Garanatieservice verbessern. Derzeit können die Schüler bei uns ein Abomodell abschließen, bei dem sie erst zahlen, wenn sie die gewünschte Note erreicht haben. Dafür zahlen sie aber am Ende etwas mehr als bei unserem herkömmlichen Abo. Kommt der Schüler nicht auf die entsprechende Note, muss er nichts zahlen.

Hatten Sie solch einen Fall schon mal?

Ohswald (lacht) Nein, bisher zum Glück nicht. Das Schöne an der Digitalisierung ist ja, dass man alles messbar machen kann, also auch alles vor oder nach dem Unterricht. Dadurch können wir besser vorhersehen. Wenn neue Schüler bei uns starten, wissen wir nach ein, zwei Probestunden, wie wahrscheinlich es ist, dass der Schüler seine Wunschnote erreicht.

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