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Kolumne: Goldpreis ist nicht übertrieben

Kolumne : Goldpreis ist nicht übertrieben

Der tiefe Fall ist per se kein Argument für den Kauf von Gold - eher die Marktpsychologie.

Düsseldorf Goldanleger brauchen derzeit ein dickes Fell. Um mehr als 40 Prozent ist der Goldpreis seit Spätsommer 2011 gefallen. Was steckt hinter diesem Crash auf Raten? Die Herausforderung beim Thema Gold ist zunächst, die permanente mythische Überhöhung und das Gerede von Lieferschwierigkeiten bei Münzen und der Marktmanipulation zu überhören, das Goldanhänger gern in Umlauf bringen. Denn natürlich hängt auch der Preis von Gold an Angebot und Nachfrage, abgerundet um gelegentliche Übertreibungen in beide Kursrichtungen. Von einer Übertreibung nach unten kann indes keine Rede sein.

Erstens hat Gold seine Funktion als Krisenwährung verloren; Konflikte im Nahen Osten und die Euro-Krise hatten keinen messbaren Einfluss auf den Goldpreis. Zweitens sind die Opportunitätskosten von Gold gestiegen, denn in der Weltleitwährung Dollar gibt es inzwischen wieder einen positiven Realzins auf kurzlaufende US-Staatsanleihen. Dass es für kurzfristige Einlagen abzüglich Inflation nicht einmal einen Werterhalt gab, war zuvor lange Jahre ein starkes Argument für Gold. Drittens haben Goldbullen große Hoffnung auf die Notenbanken als Käufer gesetzt. Doch laut Mitte Juli veröffentlichten Daten hat etwa China seit 2009 mit rund 50 Tonnen pro Jahr lediglich ein Sechstel der Goldmenge gekauft, die von Marktbeobachtern erwartet worden war. Die Notenbanken der Schwellenländer haben zudem angesichts der anstehenden Zinserhöhung in den USA andere Sorgen, als Goldbestände auszubauen, nämlich ihre Währung zu schützen und sich für Kapitalabflüsse zu wappnen.

Viertens erntet die Goldbranche nun, was sie vor gut zehn Jahren mit der Einführung eines Gold-Indexfonds gesät hat: Physisch besichertes Gold war plötzlich per Mausclick und mit extrem geringen Kauf-Verkaufsspannen handelbar, anstatt umständlich Barren oder Münzen zu kaufen und einzulagern. Zeitweise hielt der Gold-ETF 2011 knapp 1400 Tonnen Gold oder rund ein Drittel der Jahresproduktion. Doch die neuen Käufer trugen nicht nur zur Kursvervierfachung zwischen 2004 und 2011 über 1900 US-Dollar je Feinunze bei, sondern türmen nun auch angesichts der fallenden Kurse wieder per Mausclick, und der Bestand des Gold-ETFs hat sich seit 2011 wieder halbiert und für ein starkes physisches Angebot gesorgt.

Fünftens ist vom Inflationsschub, den Pessimisten für unausweichlich hielten, angesichts der vielen Notenbankmaßnahmen weltweit nichts zu sehen. Inflation und Inflationserwartungen erreichen weder in den USA noch der Eurozone zwei Prozent. Gerade die Inflationsraten sind aber der Dreh- und Angelpunkt der Goldpreisentwicklung. Gold mag keine Zinsen zahlen, hat sich aber in den letzten Jahrhunderten als verlässlicher Speicher der Kaufkraft erwiesen.

Die Betrachtung eines Investments in Gold über die letzten 10, 20, 30 und 40 Jahre kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Unterstellen wir, dass Gold einem Käufer in US-Dollar jeweils lediglich die Kaufkraft erhält, müsste der Goldpreis heute je nach Start (1975/1985/1995/2005) zwischen 550 und 750 Dollar liegen. Dieses Beispiel zeigt, dass von spekulativen Übertreibungen nach unten noch keine Rede sein kann.

Das spricht nicht grundsätzlich gegen ein Engagement in Gold als Depotbeimischung. Aber: Investoren, die die Hoffnung nicht aufgeben, sollten Gold nur als Krisenversicherung sehen und den Goldpreis möglichst vergessen - selbst wenn er tatsächlich weit unter 1000 Dollar je Feinunze fallen dürfte. Denn dies wäre ein Indiz dafür, dass andere Vermögenslagen wie Aktien, Anleihen oder Immobilien gut laufen.

DER AUTOR IST FRANKFURT-KORRESPONDENT DES WIRTSCHAFTSMAGAZINS "CAPITAL".

(RP)