Düsseldorf: Gewalt gegen Bahnpersonal nimmt zu

Düsseldorf: Gewalt gegen Bahnpersonal nimmt zu

Die Zahlen sind alarmierend, alleine im vergangenen Jahr gab es 450 gewaltsame Übergriffe auf das Bahnpersonal in NRW. Beleidigungen sind mittlerweile alltäglich. Unterwegs mit Schaffnern, die eigentlich nur ihre Arbeit machen wollen.

Arno Müller* ist optisch ein beeindruckender Mann; die Sorte Mensch, mit der man lieber keinen Ärger haben will. Der Zwei-Meter-Mann arbeitet seit 41 Jahren bei der Deutschen Bahn als Schaffner, neudeutsch KIN, Kundenbetreuer im Nahverkehr.

Er gehört zur alten Garde, hat die Zeit miterlebt, als die Bahn noch eine Behörde war. Seitdem hat sich vieles verändert, auch der Umgang mit den Fahrgästen. Besser ist es nicht geworden. Alleine in NRW gab es im letzten Jahr 450 gewaltsame Übergriffe auf das Bahnpersonal, das waren 90 mehr als noch 2015.

Müller ist es gewohnt, täglich beleidigt zu werden, was angesichts seiner freundlichen Art verwundert. Das sei halt heutzutage so, er habe sich damit abgefunden, sagt er lapidar. Doch das, was an Altweiber in der Bahnlinie S1 zwischen Düsseldorf und Duisburg passierte, hatte eine andere Dimension: Ein betrunkener Karnevalist ohne Fahrschein weigert sich, das Strafgeld zu zahlen oder sich auszuweisen. Im Verlauf des Gesprächs wird er immer aggressiver, dann steht er plötzlich auf, um Müller niederzuschlagen.

Es gibt mittlerweile Deeskalationsseminare bei der Bahn, bei denen Schaffner lernen sollen, gefährliche Situationen wie diese zu erkennen und früh genug die Lage zu beruhigen. Wie sinnvoll diese Weiterbildungen sind, merkt man schnell, wenn man den Teilnehmern zuhört. Acht Kundenbetreuer sind an diesem Tag im zweiten Stock des Bürogebäudes der Bahn in Düsseldorf dabei. Praktisch alle wurden mindestens einmal von einem Fahrgast attackiert. Sie erzählen sich gegenseitig von diesen Erfahrungen, wirklich schockieren können die Geschichten hier keinen mehr.

Ferdinand Balke leitet das Seminar, er ist Mitarbeiter bei der Bahntochter DB Training. Auch er bemerkt, dass sich etwas verändert hat: "Für die meisten Schaffner sind Beleidigungen nicht mal mehr eine Meldung wert." Wenn man die Schaffner so reden hört, bemerkt man einen gewissen Trotz in den Erzählungen. "Davon habe ich mich nicht beeindrucken lassen", ist ein Satz, der häufig fällt an diesem Tag. Die Bahn-Mitarbeiter sprechen sich gegenseitig Mut zu, versuchen den anderen Tipps zu geben, wie sie solche Situationen lösen können.

Die wichtigste Regel gibt Balke den Seminarteilnehmern mit auf den Weg: "Sie kennen ja unser Motto, laufen statt raufen. Im Ernstfall ist die beste Lösung immer, sich zurückzuziehen." Eine Teilnehmerin berichtet, dass ihr ein aufgeregter Fahrgast bis ins Führerabteil gefolgt sei. Nachdem sie sich dort eingeschlossen habe, trat der Fahrgast gegen die Tür und bedrohte sie.

Die Bahn hat mittlerweile ein Konzept getestet, um Gewalt gegen das Zugpersonal zu verhindern. Das Bahnpersonal in Köln und Berlin hat zu diesem Zweck über einen längeren Zeitraum sogenannte Bodycams getragen. Während der gesamten Testphase mit den am Körper befestigten Kameras kam es zu keinem Angriff auf das ausgerüstete Personal. Nun will die Bahn zusammen mit Datenschützern darüber entscheiden, ob die Technik flächendeckend eingesetzt wird.

Wie dringend der bessere Schutz notwendig ist, wird während des Seminars im Praxistest deutlich. Die Gruppe hat kaum den Regionalexpress 1 Richtung Köln betreten, als schon der erste Fahrgast ausfällig wird. "Was soll das? Warum kontrolliert ihr uns und nicht die schwarzfahrenden Kopftuchträger in der ersten Klasse", brüllt der ältere Mann: "Was glaubt ihr, woher der Begriff Schwarzfahrer kommt?"

Der plumpe Rassismus prallt an den Schaffnern ab, sie winken nur ab, alles schon tausendmal gehört. Danach verläuft die Kontrolle ruhiger, einige Reisende schenken den Schaffnern sogar ein Lächeln. "Das Zwischenmenschliche, von den Zwischenfällen abgesehen, ist ja eigentlich das Schöne an dem Beruf", sagt Thomas Laubenstein, einer der Seminarteilnehmer.

Noch vor der Haltestelle Köln Messe/Deutz bleibt der Zug stehen. Eine Gruppe von fünf jugendlichen Mädchen hat sich um eine scheinbar schwangere Frau versammelt. Die Bahn-Mitarbeiter rufen den Notarzt. Die Frau ist offenbar ohnmächtig geworden, liegt auf dem Boden und muss später von ihren Begleiterinnen aus dem Zug getragen werden. Kurze Zeit später erfahren die Bahn-Kontrolleure von den Sanitätern, dass es sich bei der Gruppe um Trickbetrüger gehandelt hat. Der Zusammenbruch war vorgetäuscht, um beim Schwarzfahren nicht erwischt zu werden.

Der Zug hat jetzt 20 Minuten Verspätung. "Das wird gleich wieder an uns ausgelassen, dabei wissen die Leute ja eigentlich, dass wir Schaffner für Verspätungen nichts können", sagt Thomas Laubenstein: "Aber vielleicht muss das einfach mal raus bei den Gästen, die meinen das ja nicht persönlich." Es klingt trotzig, den Job kaputt machen lassen wollen sie sich nicht.

Und es gibt ja auch noch die anderen Erlebnisse, wie an jenem Altweiber-Donnerstag, als der betrunkene Fahrgast aufstand, um Arno Müller niederzuschlagen. Was dann passierte, ist der Grund, warum der Schaffner bis heute gerne an den Tag zurückdenkt. "Drei Mitfahrende haben die Situation bemerkt und sind sofort aufgesprungen und haben sich vor mich gestellt, um mich zu schützen. Die haben den Schwarzfahrer einfach festgehalten." So etwas habe er noch nie erlebt, sagt Müller, die Situation sei ja auch für die anderen gefährlich gewesen. Es sind Erlebnisse wie diese, weshalb Müller am Ende der Bahnfahrt sagt: "Schaffner zu werden, war zwar nie mein Traum, aber es ist ein schöner Beruf. Trotz allem."

*Name von der Redaktion geändert

(RP)