Gerry Weber, H&M, Esprit, Tom Tailor - die Krise der Textilhändler

Krise im deutschen Textilhandel: Am seidenen Faden

Umsatz- und Margenschwäche, hoher Konkurrenzdruck vor allem durch Online-Händler – der Textilhandel hat große Probleme. Er steckt in einer Strukturkrise. Der Insolvenzantrag von Gerry Weber macht die Probleme überdeutlich.

Wer nach den Gründen für die tiefe Krise im deutschen Textileinzelhandel fragt, bekommt meistens drei Argumente: Der Umsatz ist zu klein, die Marge zu gering, der Wettbewerbsdruck extrem hoch, vor allem der durch den Online-Handel, der aus Sicht vieler ein Sargnagel des stationären Geschäfts ist. Was in dieser Absolutheit natürlich nicht stimmt. Zalando ist einerseits nicht der einzige erfolgreiche Modehändler und hat andererseits auch schon eine Gewinnwarnung herausgeben müssen. Der irische Discounter Primark wiederum meldet steigende Umsätze, genau wie die spanische Zara, die mit rasch wechselnden Kollektionen punktet.

Der Insolvenzantrag von Gerry Weber ist das bislang letzte prominente Indiz für. die Probleme im stationären Modehandel. Bei dem Unternehmen rächt sich die gewaltige Expansion vergangener Jahre, weil diese über eine wachsende Zahl von Filialen einen enormen Kostenblock produziert hat. Die Entwicklung bei den Ostwestfalen war in den vergangenen Monaten absehbar, weil sie einem gängigen Muster folgte: Erst stagniert oder sinkt der Umsatz nur leicht. Dann kämpfen die Unternehmen mit Preisaktionen gegen den Trend, was die Erträge weiter sinken lässt. Also müssen die Kosten runter. Was leidet, sind notwendig Investitionen. Am Ende dreht sich die Spirale immer schneller, und wie bei Gerry Weber führt der Weg manchmal geradewegs ins Büro des Amtsrichters, der über den Insolvenzantrag entscheiden muss. Da hängt die Existenz dann am seidenen Faden – wie bei der baden-württembergischen Mode-Handelskette AWG, die am Dienstag einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt hat. Die Handelskette mit rund 2900 Mitarbeitern und knapp 300 Filialen will sich selbst sanieren. Und es gibt weitere prominente Problemfall im Gewerbe: Esprit hat nach einem dreistelligen Millionenverlust tiefe Einschnitte in die Verkaufsfläche und die Belegschaft angekündigt, H&M stellte die Weichen auf Umbau und nahm dafür deutliche Gewinneinbußen in Kauf, bei Tom Tailor, sanken die Margen zuletzt, bei C&A gab es zwischenzeitlich Spekulationen über den Verkauf an einen chinesischen Investor.

Mitunter klagt der eine oder andere Textilhändler darüber, dass der Sommer zu heiß und der Winter lange Zeit zu mild gewesen sei. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn der Sommer zu spät kommt, hilft das dem Händler nicht, weil er die entsprechende Kleidung im Schlussverkauf schon zu Ramschpreisen rausgejagt hat. Kommt der Winter nicht wie erhofft, werden die Textilien zum Ladenhüter. Aber das ist vielleicht nur ein Durchgangs-Phänomen. Was nachhaltig wirkt, ist der Strukturwandel. Es geht nicht nur um den Internet-Handel. Es geht auch darum, dass Marken-Kleidung bei manchen jungen Menschen nicht mehr den Stellenwert früherer Jahre hat. Bei anderen mögen die Kleiderschränke bis zum Bersten voll sein, nachdem immer mehr Kollektionen immer schneller auf den Markt gekommen sind und den Preisdruck haben wachsen lassen. Aber: „Frau an sich würde trotzdem gern im Laden kaufen“, sagt die Düsseldorfer Unternehmensberaterin Beate Hölters, „doch der Service ist oft schlecht. Die Händler können die Erwartungshaltung der Kundschaft gar nicht erfüllen, weil sie in den vergangenen Jahren schon zu viel Personal abgebaut haben.“

Ein Teufelskreis: Bei sinkenden Umsätzen wird an der Belegschaft gespart, was Beratung verschlechtert und Umsätze weiter sinken lässt. Es sinkt die Marge – und das bei eher steigenden Mieten in den Innenstädten, in denen Vermieter Rendite auf ihr Investment sehen wollen. Und so schrumpft der Textilhandel immer weiter und sieht, wie andere Sparten wachsen. „Während der Einzelhandel in den vergangenen Jahren insgesamt wuchs, schrumpften ausgerechnet die Kategorien, die für die Innenstädte besonders relevant sind, wie der Textilhandel. Dem Handel sind hier Umsätze in Milliardenhöhe verloren gegangen“, erklärt Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung, das jüngst eine Studie zur Attraktivität von Innenstädten vorlegte.

Gerry Weber will sich nun in Eigenverwaltung sanieren. Was ist nötig? „Kompetente Beratung, gute Vernetzung von stationärem und Online-Geschäft, Spitzenprodukte, an denen der Kunde die Handschrift des Anbieters erkennen kann.“, empfiehlt Unternehmensberaterin Hölters. In der Modebranche heißt es, ein chinesischer Investor könnte als Partner ins Gespräch kommen, „ehe Gerry Weber vielleicht das Geld ausgeht“.

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