Gerry Weber geht in Insolvenz - die Akie stürzt um 60 Prozent ab, die Gewerkschaft IG Metall ist schockiert

Modemarken : Gerry Weber meldet Insolvenz an

Unerwartet sind die Gespräche über eine weitere Finanzierung der Gerry Weber International AG doch gescheitert. Die Gewerkschaft ist schockiert und befürchtet weitere Einschnitte, die Aktie stürzt ab.

Der schon lange angeschlagene Modeanbieter Gerry Weber hat am Freitag einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Als Reaktion stürzte die Aktie um rund 60 Prozent ab, die Gewerkschaft IG Metall gibt sich schockiert. „Das ist ein schwerer Rückschlag bei der Sanierung des Unternehmens“, sagt Gewerkschaftssekretär Marc Schneider, „Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen.“

Gerry Weber erklärt, der Geschäftsbetrieb solle trotz des Antrages auf Insolvenz weitergeführt werden. Die Finanzierung des laufenden Geschäftes sei „nach derzeitigem Stand“ bis 2020 abgesichert. Betroffen von dem Insolvenzverfahren sei nur die Muttergesellschaft Gerry Weber International mit rund 580 Mitarbeitern. Für Tochterfirmen inklusive Hallhuber seien keine Insolvenzanträge gestellt worden.

Die Insolvenz ist notwendig, weil der Vorstand sich mit Banken und anderen Partnern nicht über die langfristige Finanzierung einigen konnte. „Der Antrag ist leider unvermeidlich“, sagt Johannes Ehling, Vorstandssprecher seit November. Im Dezember hatte er noch verkündet, er sei „zuversichtlich“, sich mit den Geldhäusern bis Ende Januar über eine Umschuldung der bei mehr als 200 Millionen Euro liegenden Verbindlichkeiten zu einigen.

Gerry Weber rutscht seit Jahren in die Krise. Der Umsatz sank seit 2013/2014 von 852 Millionen Euro auf 795 Millionen Euro 2017/2018. Und während vor vier Jahren ein Ergebnis von 109 Millionen Euro hineinkam, lag der Verlust vergangenes Geschäftsjahr bei 192 Millionen Euro. Der Börsenwert liegt bei nur noch 80 Millionen Euro, früher bei mehr als einer Milliarde Euro.

Hauptgründe des Abstiegs sind eine verfehlte Markenstrategie und eine zu aggressive Expansion. „Es ist ihnen nicht gelungen, die Kollektionen ebenso schnell zu wechseln wie es Zara fast jeden Monat macht“, sagt Beate Hölters, Unternehmensberaterin aus Düsseldorf. Gerry Weber habe versäumt, die Marke ausreichend zu verjüngen. Außerdem habe das Untenehmen das Filialnetz viel zu stark auf am Ende 820 Läden und Verkaufsflächen ausgebaut. „Es wurden viel zu viele Filialen aufgebaut neben den Partnerschaften mit dem Handel. Gerry Weber gab es in vielen Städten an jeder Ecke.“

Ehling wird das Netz herunterfahren. Schon im Dezember kündigte er an, rund 230 Filialen schließen zu wollen, deren Ergebnisse „tiefrot“ seien. Jetzt im Insolvenzverfahren könnte er noch weitere Läden schließen, vermuten Kenner des Konzerns. Dabei ist Gerry Weber sehr vom deutschen Markt abhängig: Mehr als die Hälfte des Umsatzes wird in der Heimat gemacht.

Sicher ist, dass die Arbeitnehmer verzichten müssen. Die Gewerkschaft stimmte vor einer Woche zu, 2019 bis 2021 auf das Urlaubsgeld zu verzichten, dieses und nächstes Jahr auf das Weihnachtsgeld. Außerdem wird die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich gesenkt. 900 der 6500 Stellen werden gestrichen, vorwiegend in der Firmenzentrale und in wegfallenden Filialen. Gewerkschaftsmann Schneider befürchtet die Forderung nach neuen Einschnitten: „Da könnten schwierige Gespräche auf uns zukommen.“

Interessant ist die Entwicklung des Aktienkurses. Bevor Freitag der Insolvenzantrag gestellt wurde, war der Kurs der Aktie am Donnerstag um rund 15 Prozent abgerutscht. „Wir schauen uns das routinemäßig an“, sagt eine Sprecherin der Finanzaufsicht Bafin. Schon seit November läuft eine förmliche Insideruntersuchung, weil die Aktie von Gerry Weber im September auffällig vor Verkündigung einer schlechten Nachricht abgestürzt war.

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