Gemeinschaftsdiagnose: Wirtschaftsinstitute halbieren Wachstumsprognose

Deutsche Konjunktur : Institute halbieren Wachstumsprognose

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute reduzieren ihre bisherige Vorhersage von 1,9 auf weniger als ein Prozent Wachstum für das laufende Jahr. Handelskonflikte und Brexit machen sich negativ bemerkbar.

Die Konjunkturaussichten trüben sich weiter ein. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute senken ihre Wachstumsprognose für Deutschland im laufenden Jahr deutlich auf unter ein Prozent, wie unsere Redaktion aus Regierungskreisen erfuhr. Im Herbst hatten sie ein Wachstum von 1,9 Prozent vorausgesagt. Die neue Vorhersage der Institute liegt damit noch unter der Regierungsprognose von einem Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im laufenden Jahr. Die Institute veröffentlichen ihre Gemeinschaftsdiagnose an diesem Donnerstag.

Nach fast zehn Jahren Aufschwung war der deutsche Konjunkturmotor schon Ende des vergangenen Jahres ins Stottern geraten. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hatte deshalb Mitte März seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr um fast die Hälfte auf nur noch 0,8 Prozent reduziert. Allerdings gehen die Institute wie auch die Wirtschaftsweisen davon aus, dass die Wirtschaft nicht in eine Rezession oder einen andauernden Abschwung geraten wird, sondern sich nach einer Schwächeperiode wieder fängt – vor allem wegen der weiterhin robusten Binnenkonjunktur. Für 2020 sagt der Rat der Weisen ein Wachstum von wieder 1,7 Prozent voraus, was ungefähr dem langfristigen Wachstumspotenzial der Wirtschaft entsprechen würde.

Ein eher wieder positives Zeichen setzte zuletzt der Ifo-Geschäftsklima-Index. Der wichtigste deutsche Frühindikator für die Konjunktur war im März nach sechs Rückgängen erstmals wieder leicht gestiegen. Allerdings ist die Stimmung gespalten: Während Dienstleister und Handel, die stärker von der Inlandskonjunktur abhängen, wieder optimistischer geworden sind, trübt sich das Bild in der Industrie weiter ein. Das signalisiert auch das Ifo-Geschäftsklima speziell für Nordrhein-Westfalen, den die NRW.Bank monatlich von dem Münchner Institut auf der Basis der monatlichen Umfrage bei 1000 NRW-Unternehmen ermitteln lässt. Auch in NRW stieg das Geschäftsklima im März demnach an, doch in der Industrie fielen die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate auf den niedrigsten Stand seit Ende 2012.

Verantwortlich dafür sind vor allem internationale Entwicklungen: Der ungelöste Handelsstreit zwischen den USA und China sowie zwischen den USA und Europa zeigt Wirkungen. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), schlug deshalb in dieser Woche Alarm: Vor zwei Jahren noch hätten 75 Prozent der Weltwirtschaft steigende Wachstumsraten verzeichnet, im Jahr 2019 dagegen schrumpfe das Wachstum in 70 Prozent der globalen Wirtschaft. Die Konjunktur sei an einem „heiklen Punkt“ angekommen, sagte Lagarde, die in der kommenden Woche bei der IWF-Frühjahrstagung die Finanzminister und Notenbankchefs vieler Länder in Washington erwartet. „Niemand ist Sieger in einem Handelskrieg“, warnte Lagarde. Sollten die USA Sonderzölle auf alle Warenimporte aus China erheben, würde dies die Wirtschaftsleistung in den USA um 0,6 Prozentpunkte verringern - in China sogar um 1,5 Punkte. Sie sprach von „selbst zugefügten Wunden.“