Inflationsbekämpfung Geldpolitik mit Blick aufs Geschichtsbuch

Meinung | Düsseldorf · Inflationsbekämpfung ist der wichtigste Job für die Notenbanken. Warum das Urteil über ihre Erfolge so unterschiedlich ausfällt.

Die Europäische Zentralbank ist ihrer Linie der vergangenen Monate treu geblieben. Mit einer erneuten Zinsanhebung soll die hohe Inflation bekämpft werden.

Die Europäische Zentralbank ist ihrer Linie der vergangenen Monate treu geblieben. Mit einer erneuten Zinsanhebung soll die hohe Inflation bekämpft werden.

Foto: dpa-tmn/Arne Dedert

Notenbanker möchte man nicht sein in diesen Tagen. Eine Finanzkrise abwenden, die Inflation bekämpfen und trotzdem die Wirtschaft am Laufen halten – wie soll das gehen? Man ahnt es schon: Die Verantwortlichen werden Prioritäten setzen und Schäden in Kauf nehmen müssen. Dabei sind sie ihren gesetzlichen Aufträgen verpflichtet, keine Frage. Für die EZB unter Führung von Christine Lagarde bedeutet das vor allem, den Geldwert zu sichern. Dazu gehört auch, das Finanzsystem stabil zu halten. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass Notenbanker ebenso ihren Platz in den Geschichtsbüchern im Auge behalten.

Die aufschlussreichste Episode hierzu spielte sich von 1974 bis 1981 in den USA ab. Chef der Notenbank Fed war zu Beginn Arthur Burns. Er war nach dem ersten Ölpreisschock mit einer hohen Geldentwertung konfrontiert, der er lehrbuchmäßig durch kräftige Zinserhöhungen begegnete. Allerdings lockerte er die Geldpolitik schnell wieder und verlegte sich auf eine Manipulation der Preismessung – kein effektiver Weg der Inflationsbekämpfung.

Auf Burns folgte nach kurzem Intermezzo Paul Volcker. Er hob die Zinsen in den USA brutal auf fast 20% an – um den Preis einer tiefen Rezession. Aber sein Plan ging auf: die Inflation war tot. Noch heute schauen Historiker wie Volkswirte eher abschätzig auf Arthur Burns, aber mit großer Bewunderung auf Paul Volcker. Und das obwohl – oder gerade weil – er im Kampf gegen die Geldentwertung erhebliche Nebenwirkungen in Kauf nahm. Auch die Niederlage von Jimmy Carter gegen Ronald Reagan im November 1980 schreiben viele der „Volcker-Rezession“ zu.

Für Jerome Powell und seine Fed heißt das vermutlich, dass man vor hohen Zinsen nicht zurückschrecken wird, notfalls auch um den Preis einer wirtschaftlichen Krise. Wenn darüber 2024 wieder ein US-Präsident der Demokraten stolpern sollte, würde sich Geschichte tatsächlich wiederholen. Käme es zu einer Rezession, dürften die Börsenkurse zuvor unter Druck geraten. Für Vollgas bei Aktien ist es deshalb zu früh.

Karsten Tripp leitet die Vermögensabteilung von HSBC Deutschland in Düsseldorf. Er wechselt sich mit den beiden Wirtschaftsprofessoren Ulrike Neyer und Justus Haucap ab.