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Die Kapitalmärkte reagieren gelassen auf die Bundestagswahl

Ampel oder Jamaika? : Die Wahl und der Markt

Ganz Deutschland wartet gespannt, welche Koalition in den kommenden Jahren regieren wird. Weder Ampel noch Jamaika machen den Börsen Sorgen. Aus guten Gründen.

Olaf Scholz oder Armin Laschet – was in politischen Kreisen für Aufregung sorgt, ist für die globalen Börsen kaum mehr als eine Randnotiz. Und das hat gleich mehrere Gründe. Der vielleicht wichtigste: Die Menge an Gemeinsamkeiten zwischen den koalitionsfähigen Parteien ist wesentlich größer als in den meisten anderen Ländern. Markante Richtungswechsel sind deshalb auch bei veränderten Mehrheiten nicht zu erwarten. Stabilität und Kontinuität, die in Deutschland mehrheitlich geschätzt werden, kommen auch an den Kapitalmärkten gut an.

Hinzu kommt, dass alle jetzt möglichen Koalitionen Kräfte sowohl rechts als auch links der Mitte abbilden müssen. Speziell in der Wirtschaftspolitik, wo es um Themen wie soziale Sicherheit und Steuern geht, dürfen extreme Wege damit als ausgeschlossen gelten. Natürlich ist es nicht unbemerkt geblieben, dass eine Wählerwanderung zugunsten des linken Spektrums stattgefunden hat. Doch das ist alles andere als eine Überraschung. Vor einigen Wochen war an dieser Stelle die Rede von der Missionswirtschaft, betrieben von einem gestärkten Staat. Sie findet vor allem links der politischen Mitte Unterstützer, so etwa auch in der neuen US-Regierung. Die Vorwahlumfragen hatten bereits angedeutet, dass der künftige Bundestag ebenfalls stärker in diese Richtung tendieren wird. Investoren verbinden mit der Missionswirtschaft neue Chancen; allerdings werden sie ihre Anlagen gezielter auswählen müssen.

Alle drei möglichen Koalitionen eint das klare Bekenntnis zu Europa und zur Partnerschaft mit den USA, außerdem der Wille zu entschlossenem Klimaschutz. Die Stärkung des Staates geht mit höheren Ausgaben einher. Steuererleichterungen sind deshalb nicht zu erwarten, auch wegen der Corona-Lasten. Doch die Börsen halten Ausgaben zugunsten größerer Nachhaltigkeit derzeit für gut angelegtes Geld. Die Kurse können davon profitieren. Europäische Aktien und alle Anlagen im Bereich Klimaschutz dürften schon durch die Koalitionsverhandlungen Auftrieb erhalten.

Unser Autor leitet die Vermögensabteilung von HSBC Deutschland in Düsseldorf. Er wechselt sich hier mit den beiden Wirtschaftsprofessoren Ulrike Neyer und Justus Haucap ab.