Tui-Deutschlandchef Stefan Baumert Warum Urlauber von der FTI-Pleite auch profitieren könnten

Interview | Hannover · Stefan Baumert, Deutschlandchef von Tui, setzt auf neues Wachstum, weil der Wettbewerber FTI aufgeben muss. Gestrandete FTI-Urlauber erhalten Hilfe bei der Rückreise, auf Anzahlungen verzichtet Tui erst einmal, um Gäste zu locken.

 Stefan Baumert leitet seit 2021 das für Tui sehr wichtige Deutschlandgeschäft. Rund sechs Millionen Deutsche reisten vergangenes Jahr mit Tui in den Urlaub.

Stefan Baumert leitet seit 2021 das für Tui sehr wichtige Deutschlandgeschäft. Rund sechs Millionen Deutsche reisten vergangenes Jahr mit Tui in den Urlaub.

Foto: IMAGO/Funke Foto Services/Foto: Bernd Thissen/imago | Bearbeitung: RP

Herr Baumert, am Montag meldete Ihr Konkurrent FTI als Branchendritter Insolvenz an, und die Tui-Aktie ging seitdem knapp zehn Prozent hoch. Also sind Sie als Marktführer der große Sieger?

Baumert Der Kursanstieg ist natürlich erfreulich. Aber ich denke, wir waren sowieso eher niedrig bewertet, und unser Aufstieg in den M-Dax in dieser Woche spielt bei der Entwicklung des Aktienkurses sicher auch eine Rolle. Richtig ist, dass wir vielen bisherigen FTI-Kunden ein Urlaubsangebot machen wollen. Falsch ist aber die Vorstellung, wir würden nun allein den Markt dominieren. Wir haben in Deutschland einen sehr intensiven Wettbewerb unter anderem mit Dertour, Schauinsland, Alltours und vielen anderen Anbietern von Pauschalreisen.

Ist es fair, dass Tui dank Staatshilfe die Corona-Krise überlebte, während FTI untergeht, weil Staatshilfe verweigert wird, wobei man sehen muss, dass auch FTI Corona-Stütze erhalten hatte?

Baumert Die Hilfen des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) waren grundsätzlich wichtig und richtig, und wir als Tui haben alles dafür getan, dass wir sie noch im April 2023 schnell zurückzahlen konnten. Auch unsere Aktionäre haben uns mit vier Kapitalerhöhungen unterstützt. Für den WSF war Tui ein gutes Geschäft: Für die gewährten Hilfen an Zinsen, Gebühren und sonstigen Abgaben wurden fast 400 Millionen Euro zusätzlich gezahlt.

Geht es jetzt wegen der FTI-Insolvenz mit den Preisen deutlich nach oben?

Baumert Warten wir es ab. Kurzfristig halte ich es sogar für denkbar, dass es wegen der FTI-Insolvenz auch einige Schnäppchen gibt, wenn nicht genutzte Kapazitäten von Hotels oder Airlines in den Markt zurückkommen. Das wäre insbesondere dann der Fall, wenn es nicht gelingen sollte, einen Käufer zu finden, der FTI ganz oder zu Teilen ab Juli fortführt. Wichtig ist es jetzt, dass die Reisenden so schnell wie möglich Klarheit bekommen, wie es mit ihrem Urlaub weitergeht.

Was raten Sie Bürgern, deren FTI-Reise noch nicht abgesagt wurde?

Baumert Die Kunden haben die Wahl. Wer nun ganz kurzfristig für Juni eine andere Flugpauschalreise bei uns bucht, kann bis vier Tage vor Abreise wieder stornieren. Wer ab Juli neu bei uns bucht, kann sich über den Flextarif absichern. Das ist für FTI-Gäste die beste Absicherung. Entweder sie treten die ursprünglich geplante Reise an oder sie nutzen die Buchung bei uns. Der Markt ist in Bewegung, und Urlauber können davon auch profitieren.

Und auf Anzahlungen verzichten Sie erst einmal, weil wechselnde FTI-Kunden ja ihre Zahlung an FTI noch nicht zurückerhalten haben?

Baumert Ja, wir wollen fair sein. Bis zum 30. Juni verlangen wir keine Anzahlung für Pauschalreisen bis Ende Oktober. Wir wissen, wie wichtig der Sommerurlaub für die Menschen ist. Also ist es nur angemessen, in dieser schwierigen Phase Entgegenkommen zu zeigen, wobei auch alle anderen Kunden von der Regelung profitieren.

Bestätigt oder widerlegt die Insolvenz von FTI das Modell der Pauschalreise? Immerhin wurden viele Urlauber von Hoteliers unter Druck gesetzt, ihre Unterkunft entweder nun selbst direkt zu zahlen oder rauszufliegen, obwohl die Reise bereits bei FTI bezahlt worden war.

Baumert Wir alle hätten uns gewünscht, dass es zu einem solchen Vorgang nicht gekommen wäre. Fakt ist aber, dass dank des Reisesicherungsfonds alle Kundengelder abgesichert sind. Das gibt es in keiner anderen Branche. Alle, die vor Ort ihren Urlaub bereits begonnen haben, können die Reise beenden. Alle FTI-Urlauber können nach Hause fliegen. Und diejenigen, die zur Vorkasse gedrängt wurden, sollen ihr Geld zurückerhalten. Wichtig ist dabei natürlich, dass Tui und andere Wettbewerber den Reisesicherungsfonds unterstützen.

Das bedeutet?

Baumert Wir wurden gebeten, uns auf den Balearen, in Griechenland, Mexiko, Kuba, den Malediven und der Dominikanischen Republik um die FTI-Gäste zu kümmern. Das bedeutet konkret, dass die Hoteliers über den Reisesicherungsfonds ihr Geld erhalten werden. Teilweise stellen wir zusätzlich auch einen Tui-Sicherungsbrief aus, weil uns die Partner vor Ort gut kennen. Wir unterstützen auch bei der Rückreise. Und in Zielgebieten, die wir nicht betreuen, wissen unsere Leute vor Ort, wer helfen kann. Die vermitteln dann den Kontakt.

Rund 11.000 FTI-Beschäftigten droht die Arbeitslosigkeit. Wird Tui viele einstellen?

Baumert Wir werden sicherlich FTI-Beschäftigte in unseren Reihen aufnehmen. Wir haben immer freie Stellen und brauchen auch in den Zielgebieten gute Kolleginnen und Kollegen. FTI und Tui haben bereits Kontakt aufgenommen, um sich über die Perspektiven für die Mitarbeitenden auszutauschen.

Wo wird es diesen Sommer besonders voll, wo drängen besonders viele FTI-Kapazitäten auf den Markt?

Baumert Mallorca und die Balearen sind sehr begehrt dieses Jahr, ebenso Griechenland und die Türkei. Von FTI könnten in allen diesen Gebieten Kapazitäten frei werden, wobei es aber am meisten in der Türkei und Ägypten sind. Insgesamt erwarten wir als Tui einen guten Sommer mit deutlich anziehenden Fernreisen. Schon Mitte Mai lagen die Buchungszahlen insgesamt rund fünf Prozent höher als vor einem Jahr.

Bleibt es dabei, dass Tui als Konzern damit rechnet, pro Reise im Schnitt rund vier Prozent mehr einzunehmen?

Baumert Ja, dies ist die Erwartung. Dabei geht es allerdings nicht einfach um höhere Preise beziehungsweise eine Anpassung an die Inflation, sondern um eine Mischkalkulation, weil manche Kunden auch anspruchsvoller als im Vorjahr buchen – somit steigt der durchschnittliche Reisepreis.

Könnte es sein, dass die zunehmenden Proteste gegen Over-Tourism, also gegen eine zu hohe Belastung von beliebten Zielen durch immer mehr Urlauber, weiteres Wachstum verhindert?

Baumert Natürlich nehmen wir die Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner in den Urlaubsregionen ernst. Wer sich die Aussagen genauer anschaut, versteht, worum es geht: um einen verantwortungsvollen Tourismus. Das sind keine Proteste gegen den Tourismus. Es sind Proteste für einen Tourismus, der sozial verantwortlich und wirtschaftlich erfolgreich für die Menschen vor Ort ist. Das sind Themen, an denen Tui seit Jahren intensiv arbeitet. Unsere Nachhaltigkeitsagenda bringt dieses Verständnis zum Ausdruck: Wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit müssen Hand in Hand gehen. Nur dann kann es einen erfolgreichen Tourismus geben.

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