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Essen: Fonds zahlt 263.000 Euro Negativzins am Tag

Essen : Fonds zahlt 263.000 Euro Negativzins am Tag

Die vier Atomkonzerne überwiesen gestern 24 Milliarden Euro an den staatlichen Fonds, der die Verantwortung für die Endlagerung übernimmt. Nun muss der Fonds das Geld rasch anlegen.

Die vier Atomkonzerne in Deutschland haben gestern 24 Milliarden Euro für die Lagerung des Atommülls an den neuen Staatsfonds überwiesen. "Fristgerecht und vollständig", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium. "Damit ist ihre Haftung für Kosten der nuklearen Entsorgung im Bereich Zwischen- und Endlagerung beendet." Alle Risiken liegen jetzt beim Steuerzahler. Jüngst hatten die Konzern-Chefs einen entsprechenden Vertrag mit dem Staat unterzeichnet. Eine von Jürgen Trittin geleitete Atomkommission hatte zuvor den Kompromiss ausgehandelt. Die Konzerne bleiben für Rückbau und Verschrottung der Meiler verantwortlich, das letzte deutsche Atomkraftwerk geht 2022 vom Netz.

Das Geld floss auf Bundesbank-Konten des Ministeriums, bei dem der Fonds angedockt ist. Allein RWE überwies 6,8 Milliarden Euro an den "Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung". Das sind fünf Milliarden an bereits gebildeten Rückstellungen plus die von der Atomkommission verlangte Risikoprämie von 1,8 Milliarden Euro. Das Geld stammt aus dem Verkauf der Öl-Tochter Dea, dem Börsengang der Tochter Innogy und weiteren Rücklagen.

Auch banktechnisch war das Ganze eine Herausforderung für die Konzerne: RWE hat das Geld gestern in über 20 Tranchen transferiert. Die Überweisungsformulare fassen maximal neunstellige Summen, verschiedene Töchter sind betroffen. Das Geld ging per Eil-Überweisung nach Frankfurt. Eon zahlte zehn Milliarden Euro. Der Essener Konzern hatte dazu eine Kapitalerhöhung vorgenommen und Anleihen mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro aufgelegt. EnBW zahlte 4,8 Milliarden an den Fonds, Vattenfall 1,8 Milliarden Euro. Indem die Konzerne auf einen Schlag zahlten, ersparten sie sich Zuschläge für die Ratenzahlung. Der Staat hätte 4,58 Prozent jährlich verlangt.

Nun muss der Atomfonds die Gelder rasch investieren. Denn auch für Regierungskonten gilt der negative Einlagenzins, den die Europäische Zentralbank festgelegt hat. Er liegt derzeit bei minus 0,4 Prozent. Das hat zur Folge, dass der Fonds täglich gut 263.000 Euro verliert - wenn das Geld nicht bald anders angelegt wird. Mit positiven Leitzinsen rechnen die Märkte erst in etwa zwei Jahren. Doch 24 Milliarden Euro legt man nicht mal eben so an, ohne - zum eigenen Nachteil - die Kurse zu treiben. Eine Faustregel besagt, mehr als 200 Millionen Euro seien kursschonend pro Tag kaum unterbringen. Selbst wenn der Fonds in drei Monaten zwölf Milliarden Euro investiert bekäme, würden Negativzinsen auf zwölf Milliarden fällig.

Der Fonds ist gesetzlich verpflichtet, sein Geld wie Versicherungen anzulegen. Der Grundsatz lautet: möglichst große Sicherheit und Rentabilität bei jederzeitiger Liquidität. Konkret kann das Geld in Kredite, Aktien, Beteiligungen, Grundstücke und Investmentfonds fließen. Politiker, die im Kuratorium des Atomfonds sitzen, denken auch daran, mit dem Geld das Land zu modernisieren und es etwa in Stromnetze zu stecken, weil das sichere Renditen verspreche. Zu den größten Netzbetreibern in Deutschland gehören RWE und Eon sowie beim Übertragungsnetz Tennet und die RWE-Tochter Amprion.

Die konkrete Anlagepolitik legt der Vorstand des Atomfonds fest. Chefin dort ist Anja Mikus (50), die bei der Allianz, bei der Union Investment und zuletzt bei einem britischen Vermögensverwalter Karriere in der Anlage großer Vermögen gemacht hat. Die Commerzbank hat sich ihr Knowhow als Aufsichtsrätin gesichert. Kontrolliert wird der Vorstand von einem Kuratorium, in dem Vermögensverwalter und Politiker sitzen. Geleitet wird es von Thorsten Herdan, Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium.

(RP)