Düsseldorf: Firmen setzen zu wenig auf Ältere

Düsseldorf: Firmen setzen zu wenig auf Ältere

Angesichts des drohenden Fachkräftemangels müssen Unternehmen bei der Rekrutierung stärker auf Frauen, Zuwanderer und Ältere setzen. Doch die Statistik zeigt, dass das oft noch nicht ausreichend getan wird.

Fritz Paar war 53 Jahre alt, als es zu einer Zäsur in seinem Leben kam. Der studierte Chemie-Ingenieur und organische Chemiker arbeitete in der Forschungsabteilung eines großen Pharmaunternehmens, das 2008 übernommen wurde. Seine Abteilung wurde geschlossen. Paar landete zunächst in einer Transfergesellschaft, nach zwölf Monaten wurde er arbeitslos.

Jeder Gang zum Arbeitsamt, so sagt der Neusser, sei äußerst unangenehm gewesen, sein Betreuer habe ihm nur Jobs angeboten, die er selbst vorher schon im Internet gefunden habe. Paar fühlte sich allein gelassen. Mehr als 100 Bewerbungen habe er geschrieben und keine einzige Einladung bekommen.

Nach 15 Monaten resignierte er, beschloss aufzugeben. Seitdem ist er Hausmann. Kümmert sich um die Hunde, das Haus, treibt Sport. Immer, wenn er davon hört, dass Firmen kaum noch Fachkräfte fänden, wird er wütend. "Nach meiner Wahrnehmung herrscht in den Personalabteilungen eine gehörige Portion Arroganz", sagt er. Wenn man über 50 Jahre alt sei, könne man es im Grunde vergessen, einen neuen Job zu finden.

Doch handelt es sich bei Paars Schilderungen um einen bedauerlichen Einzelfall, oder ist es tatsächlich schwierig, im Alter einen neuen Job zu bekommen? Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hat sich der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren zugunsten älterer Menschen gewandelt. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat sich in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen zwischen 2000 und 2016 auf knapp 5,6 Millionen Menschen mehr als verdoppelt. In der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen hat sie sich sogar verdreifacht. Die Zahl der Arbeitslosen nahm in der Alterskohorte "55 plus" von 2009 bis 2016 von rund einer Million auf 798.000 ab. Einberechnet sind dabei neben den 555.000 klassischen Arbeitslosen auch Menschen in vorruhestandsähnlichen Regelungen und diejenigen, die an einer entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnehmen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Unterbeschäftigung. Diese nahm im betrachteten Zeitraum um 18 Prozent ab. "Damit wird das vorhandene Arbeitsangebot der 55 bis unter 65-Jährigen deutlich besser ausgeschöpft als in der Vergangenheit", heißt es bei der Nürnberger Behörde.

Zwar hat in diesem Zuge auch das Risiko für Ältere, arbeitslos zu werden, deutlich abgenommen. Allerdings ist es in der Altersgruppe der Älteren immer noch deutlich über den Durchschnittswerten für alle anderen Altersgruppen. Doch dabei lohnt es genauer hinzuschauen: Fachleute betrachten in diesem Zusammenhang einerseits das Zugangsrisiko, also die Wahrscheinlichkeit, aus einem sozialversicherungspflichtigen Verhältnis heraus in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. Zudem ziehen sie das Verbleibrisiko heran, also die Chance, die Arbeitslosigkeit im kommenden Monat zu beenden. Dabei zeigt sich, dass die älteren Beschäftigten im Vergleich zu ihren jüngeren Kollegen zwar das geringste Risiko haben, arbeitslos zu werden. Zugleich haben sie aber auch die geringste Chance, durch Beschäftigungsaufnahme die Arbeitslosigkeit zu beenden: Während junge Menschen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren mit 13,1 Prozent Wahrscheinlichkeit im Folgemonat wieder einen Job bekommen, liegt die Wahrscheinlichkeit bei den über 60-Jährigen gerade einmal bei 2,3 Prozent.

"Die Firmen wollen lieber junge Leute, die direkt von der Uni kommen", sagt Chemieingenieur Paar. Weniger Gehalt, längere Arbeitszeit spielten dabei eine Rolle, glaubt er. Er selbst habe jedoch gerade mit älteren Bewerbern positive Erfahrungen gemacht: "Ich habe selbst mal eine 45-Jährige Laborantin eingestellt - das war ein Glücksgriff. Sie war erfahren, man brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass sie schnell wieder weg ist. Eine absolute Bereicherung in der Abteilung." Arbeitgeber fordert er daher zum Umdenken auf. Dazu, vorhandenes Potenzial nicht einfach zu vergeuden.

Die Zeit sitzt den Firmen dabei im Nacken. Denn bis 2030 sinkt die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter - also die der 20- bis 65-Jährigen - voraussichtlich um knapp sechs auf 44 Millionen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden bereits in zwei Jahren rund 40 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter älter als 50 Jahre sein.

(RP)