Finnen streichen 850 Edelstahl-Jobs

Finnen streichen 850 Edelstahl-Jobs

ThyssenKrupp verkauft seine Edelstahlsparte an den Konkurrenten Outokumpu. Das beschloss gestern der Aufsichtsrat. Nun wird das Edelstahlwerk in Krefeld geschlossen. Immerhin erreichten die Mitarbeiter, dass es bis 2015 keine betriebsbedingten Kündigungen gibt.

Essen/Krefeld Bei ThyssenKrupp geht eine Ära zu Ende: Nach rund 100 Jahren trennt sich der Konzern von seiner Edelstahlsparte und verkauft sie an den finnischen Konkurrenten Outokumpu. Dem stimmten nach tagelangem Ringen die mächtigen Arbeitnehmervertreter zu. Die Finnen zahlen ThyssenKrupp eine Milliarde Euro in bar und übernehmen Schulden der Inoxum genannten Edelstahlsparte in Höhe von 422 Millionen. Zudem erhält ThyssenKrupp 29,9 Prozent der Anteile am finnischen Konzern.

Für die Arbeitnehmer bedeutet der Deal jedoch herbe Einschnitte: Outokumpu kündigte gestern an, bis zu 850 der 6500 Arbeitsplätze in Deutschland streichen zu wollen. Das Edelstahlwerk in Krefeld (die so genannte "Flüssigphase") wird bis Ende 2013 geschlossen, davon sind 400 Mitarbeiter betroffen. Für sie soll es nach Angaben der IG Metall sozialverträgliche Lösungen geben. Insgesamt sind am Standort Krefeld 2100 Beschäftigte tätig: Das Kaltwalzwerk dort soll erhalten und ein Forschungszentrum ausgebaut werden. Doch die Mitarbeiter wissen nicht, ob sie dieser Ansage trauen können. Entsprechend gedrückt war die Stimmung vor dem Krefelder Werk. Hunderte Arbeiter hatten sich dort gestern versammelt. "Ich habe gestandene Kollegen weinen sehen", sagte einer von ihnen. Die Wut sei groß. Konzernbetriebsrats-Chef Bernd Kalwa hatte daher in der Aufsichtsratssitzung am Abend auch gegen den Verkauf gestimmt, wie er erklärte. Doch die Mehrheit im Kontrollgremium stimmte zu. NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger forderte: "Für die Beschäftigten in Krefeld müssen Unternehmen und Betriebsrat jetzt gute Lösungen finden."

Der Krupp-Konzern hatte 1912 ein Patent auf nicht-rostenden Stahl angemeldet. Unter dem Namen Nirosta (für NIcht ROstenden STAhl) verkauften er den Stahl in alle Welt. Doch in den vergangenen Jahren hatte die Sparte ThyssenKrupp wenig Freude gemacht, die Branche leidet an Überkapazitäten in Europa. Nun verabschiedet sich ThyssenKrupp aus dem traditionsreichen Geschäft.

Eine Woche lang kämpften die Arbeitnehmer gegen die Übernahme durch die Finnen, gestern erreichten sie wenigstens Zugeständnisse: So sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2015 ausgeschlossen. Bis dahin gilt auch für alle Produktionsstandorte eine Bestandsgarantie. "Wir haben kein Ergebnis erreicht, das zum Jubeln Anlass bietet", räumte Bertin Eichler ein, der für die IG Metall im Aufsichtsrat sitzt. "Für die Beschäftigten konnten wir aber Arbeitsplätzeabsichern." Die Börse reagierte erfreut – zumindest was ThyssenKrupp betraf: Die Aktie legte zeitweise um drei Prozent zu und war größter Gewinner im Dax. Die Aktie von Outokumpu brach dagegen um 13 Prozent ein. Denn die Finnen sind zu schwach, um den Kauf locker stemmen zu können, sie müssen eine Kapitalerhöhung vornehmen. Sie versprechen sich von der Übernahme des Konkurrenten aber Synergieeffekte. Outokumpu-Chef Mika Seitovirta erklärte, er erwarte jährliche Einsparungen von bis zu 250 Millionen Euro. Durch die Übernahme des Konkurrenten steigen die Finnen zum größten Edelstahlhersteller Europas auf – wenn das Kartellamt zustimmt.

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hat mit dem Verkauf einen großen Teil seines Desinvestitionsprogramms abgehakt. Er hatte angekündigt, Töchter mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro abzustoßen. ThyssenKrupp braucht, insbesondere nach den Milliarden-Abschreibungen in Brasilien, Geld: Den Konzern drücken Schulden von 3,5 Milliarden Euro, zudem muss er dringend Spielraum für Investitionen gewinnen. Hiesinger will die Technologiesparte stärken, die Aufzüge, Maschinen und U-Boote herstellt. Kommentar

(RP)
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