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Wird die Inflation verharmlost?

Verbraucherpreise : Wird die Inflation verharmlost? Was für und was gegen anhaltend höhere Preise spricht

Obwohl die Inflationsraten derzeit nach oben schießen, sei die Preisentwicklung harmlos, sagt eine Mehrheit der Ökonomen von Banken und Forschungsinstituten. Aber ist den Prognosen angesichts der gefühlten Preisdynamik zu trauen? Was für und was gegen eine höhere Inflation auch noch im kommenden Jahr spricht.

Im August ist die Inflationsrate auf den höchsten Stand seit fast 28 Jahren geklettert – 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat meldete das Statistische Bundesamt, das war der höchste Stand seit Dezember 1993. Damals waren es 4,3 Prozent. In den kommenden Monaten sei sogar noch mit einer Fünf vor dem Komma zu rechnen, sagt die Bundesbank. Aber danach soll die Teuerungsrate ab Januar wieder spürbar zurückgehen – davon gehen fast alle Ökonomen von Banken und Forschungsinstituten in ihren Prognosen aus. Im Jahresdurchschnitt 2022 soll sich die Inflationsrate wieder bei zwei bis 2,5 Prozent eingependelt haben. Die gefühlte Inflation hat derzeit allerdings eine so hohe Dynamik, dass viele Verbraucher diesen Prognosen lieber noch nicht vertrauen: eine gewisse Kaufzurückhaltung zeigt sich daher in den Umfragen der Konsumforscher. Was für und was gegen eine höhere Inflation auch noch im kommenden Jahr spricht.

Basiseffekt Die Bundesregierung hatte im zweiten Halbjahr 2020 vorübergehend die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent gesenkt, um in der Corona-Krise die Konjunktur zu stabilisieren. Es ist also völlig normal, dass die Inflationsraten im zweiten Halbjahr 2021 höher ausfallen, weil die Preisentwicklung mit der des zweiten Halbjahrs 2020 verglichen wird. Sebastian Dullien, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), sagt, allein dieser statistische Basiseffekt mache knapp einen Prozentpunkt der gemessenen Inflationsrate aus. Da der Mehrwertsteuereffekt im Januar 2022 wegfällt, müsste die Inflationsrate also allein deshalb um etwa einen Prozentpunkt fallen.

Corona-Krise In vielen Dienstleistungsbereichen, etwa in der Gastronomie, ließ sich in den letzten Monaten eine hohe Preisdynamik beobachten: Die Gastwirte hatten wegen der vielen Beschränkungen höhere Kosten und verlangten deshalb höhere Preise. Im kommenden Frühjahr dürfte die Pandemie aber allmählich ihren Schrecken verloren haben und ein weitgehend normales Leben wieder möglich sein. Dies bedeutet aber auch, dass dem privaten Konsum durch Einschränkungen keine Grenzen mehr gesetzt sind und sich die Nachfrage der Verbraucher wieder auf alle Waren und Dienstleistungsangebote ausrichten kann. Dadurch haben Anbieter weniger Möglichkeiten, höhere Preise durchzusetzen.

Energiepreise Vor allem die Preise für Benzin, Heizöl und Gas, aber auch für den Strom aus der Steckdose sind stark gestiegen. Dies hat zwei Ursachen: Zum einen wurde Anfang 2021 der CO2-Preis auch für den Verkehr eingeführt. Jede Tonne CO2, die neu produziert wird, kostet nun 25 Euro. Das verteuerte Benzin zum Jahresbeginn um etwa sieben Cent, Heizöl um etwa acht Cent pro Liter, Erdgas um 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Auch die Preise für die Emissionszertifikate, die in der EU schon länger gehandelt werden und die die Industrie bezahlen muss, sind drastisch in die Höhe gegangen. Gleichzeitig stiegen auch die Weltmarktpreise für Rohöl, Erdgas und Steinkohle. Die Gasspeicher in Europa sind ungewöhnlich leer, zudem bremst Russland gerade seinen Gas-Export nach Europa. Die Effekte der CO2-Bepreisung werden künftig sogar noch deutlicher zu spüren sein und sich in der Inflationsrate bemerkbar machen. Die Lage an den Weltmärkten dagegen dürfte sich im kommenden Jahr eher wieder beruhigen, sagen Energiemarktexperten voraus.

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Lieferengpässe Viele Preise für weitere Rohstoffe sind enorm gestiegen, weil in der Corona-Krise die Lieferketten unterbrochen waren. Zudem gibt es eine starke weltweite Nachfrage nach den knapper werdenden Ressourcen, etwa nach Holz. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass sich die Lieferschwierigkeiten in Kürze auflösen, wenn die Pandemie auch in wichtigen Lieferländern überwunden ist. Allerdings sind viele Rohstoffe endlich, die Preise für sie werden langfristig eher steigen.

Lohn-Preis-Spirale Eine echte Inflationsgefahr ergäbe sich, wenn es den Gewerkschaften gelingen würde, deutlich höhere Löhne aufgrund der Preissteigerungen durchzusetzen. Höhere Löhne bedeuten höhere Personalkosten – und das würde die Verbraucherpreise weiter in die Höhe treiben. Bislang waren die Lohnforderungen wegen der Pandemie noch vergleichsweise verhalten, doch das ändert sich gerade. Für den öffentlichen Dienst der Länder fordern Verdi und der Beamtenbund fünf Prozent höhere Gehälter. Die IG Metall hat für Herbst 2022 bereits eine hohe inflationsbedingte Forderung angekündigt. Hier ist also mittelfristig eher mehr Inflationsdruck zu erwarten.

Geldpolitik Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihre lockere Geldpolitik noch eine Weile fortsetzen und hat ihr langfristiges Inflationsziel unlängst von „unter, aber nahe zwei Prozent“ auf zwei Prozent leicht angehoben. Die EZB macht ihre Politik für die gesamte Euro-Zone, nicht nur für Deutschland allein. Ihr Kurs ist für die Bundesrepublik schon seit Jahren eher zu locker. Die Preise für Kredite dürften noch für längere Zeit sehr niedrig bleiben, was die deutsche Konjunktur anheizt. Eine Bundesbank würde vermutlich schneller gegensteuern als die EZB, wenn sich die Anzeichen auf höhere Inflation mehren. Auch dies spricht eher für eine erhöhte Wachsamkeit, was die Preisentwicklung angeht.

(mar)