Börsen droht Crash Wie sich die Wall Street auf einen US-Zahlungsausfall vorbereitet

New York/Washington · Die US-Finanzministerin warnt vor einer weltweiten Panik an den Finanzmärkten: Gut zwei Wochen vor einem drohenden Zahlungsausfall in den USA macht sich die Finanzbranche an der Wall Street zunehmend Sorgen und versucht sich auf den Worst Case vorzubereiten.

New York Stock Exchange (NYSE) an der der Wall Street (Symbolbild).

New York Stock Exchange (NYSE) an der der Wall Street (Symbolbild).

Foto: dpa/Bryan Smith

Der Streit um die Schuldenobergrenze zwischen Republikanern und Demokraten ist für die Marktteilnehmer zwar schon jahrelange Tradition - oft mit Einigungen in letzter Sekunde. Doch dieses Mal werden Banker wegen der extrem verhärteten Fronten zwischen den Parteien und der wenig verbleibenden Zeit für einen Kompromiss nervös, wie ein hochrangiger Branchenvertreter einräumte. Citigroup-Chefin Jane Fraser nannte die aktuelle Debatte über die Schuldenobergrenze „beunruhigender“ als frühere. JPMorgan-Chase-Chef Jamie Dimon sagte, die Bank habe wöchentliche Treffen zu den Auswirkungen.

Für den Fall eines Zahlungsausfalls ihres Landes warnte US-Finanzministerin Janet Yellen vor einem weltweiten Finanzbeben. Es sei dann sehr gut vorstellbar, dass eine Reihe von Märkten zusammenbrächen und eine „weltweite Panik“ entstehe, betonte sie am Dienstag vor Bankenvertretern in Washington. In den USA könnten dann Millionen Bürger ohne Einkommensauszahlungen dastehen und womöglich werde eine Rezession heraufziehen: „Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Der Kongress sollte sich so schnell wie möglich mit der Schuldenobergrenze befassen.“

Das Finanzministerium erwartet, die Rechnungen der US-Regierung nur bis zum 1. Juni ohne Erhöhung der Schuldenobergrenze bezahlen zu können. Am Dienstagabend (21.00 MESZ) steht ein Krisentreffen von US-Präsident Joe Biden mit führenden Parlamentariern an - darunter der Vorsitzende des republikanisch dominierten Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy. Dieser sagte, bis zum Wochenende müsse ein Deal stehen, um ihn durch den Senat und das Repräsentantenhaus zu bringen.

Sollte es tatsächlich zu einem Zahlungsausfall kommen, sind die Auswirkungen schwer abzuschätzen. Denn US-Staatsanleihen bilden quasi die Grundlage des globalen Finanzsystems. Fachleute befürchten dann massive Schwankungen an den Börsen, etwa an Aktien- und Schuldenmärkten. Wall-Street-Experten warnen, dass sich die Störungen auf dem Markt für Staatsanleihen schnell auf die Derivate-, Hypotheken- und Rohstoffmärkte ausbreiten würden. Denn Anleger würden die Gültigkeit von Staatsanleihen infrage stellen, die häufig als Sicherheiten für Geschäfte und Darlehen verwendet werden. Finanzinstitute könnten ihre Geschäftspartner auffordern, die von den Zahlungsausfällen betroffenen Anleihen zu ersetzen, erklärten Analysten.

Selbst ein kurzfristiges Überschreiten des Schuldenlimits könnte zu einem sprunghaften Zinsanstieg, einem Einbruch der Aktienkurse und einem Verstoß gegen Kreditauflagen führen. Auch die Märkte für kurzfristige Finanzierungen würden wahrscheinlich einfrieren, erklärte Moody's Analytics.

Banken, Makler und Handelsplattformen wappnen sich bereits für mögliche Turbulenzen. Dazu spielen sie etwa Szenarien durch, wie Zahlungen auf Staatsanleihen abgewickelt würden. Zudem wollen sie sicherstellen, dass genügend Personal und Bargeld vorhanden sind und die technischen Systeme bereitstehen, um hohe Handelsvolumina zu bewältigen. Ferner wird geprüft, was es für Auswirkungen auf Verträge mit Kunden geben könnte. So haben große Anleiheinvestoren betont, dass viel Liquidität wichtig ist, um möglichen heftigen Kursschwankungen standzuhalten und um zu vermeiden, dass man zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen muss. Der Online-Broker Tradeweb berät nach eigenen Angaben mit Kunden, Branchengruppen und anderen Marktteilnehmern über Notfallpläne.

Der Wall-Street-Lobbyverband Sifma hat ein Handbuch erstellt, in dem beschrieben wird, wie die Akteure am Treasurymarkt - etwa die Fed-Notenbank von New York, die Clearingbanken und die Händler von Staatsanleihen - vor und während der Zeit kommunizieren würden, in der es zu Zahlungsausfällen kommen könnte.

Die Sifma spielt mehrere Szenarien durch. Das wahrscheinlichste wäre, dass das Finanzministerium Zeit für die Rückzahlung an die Anleihegläubiger gewinnt. Dabei würde es vor einer Zahlung ankündigen, dass es die fälligen Wertpapiere verlängern wird, indem es sie je um einen Tag verlängert. So könnte der Markt weiter funktionieren, aber es würden wahrscheinlich keine Zinsen für die verzögerte Zahlung anfallen.

Im schlimmsten Szenario zahlt das Ministerium weder Kapital noch Zinskupon und verlängert die Fälligkeit nicht. Die nicht ausgezahlten Anleihen könnten nicht mehr gehandelt werden und wären nicht mehr über den Fedwire Securities Service übertragbar, der für den Besitz, die Übertragung und die Abrechnung von Staatsanleihen verwendet wird.

„Es ist schwierig, weil dies beispiellos ist“, sagte Sifma-Experte Rob Toomey. „Aber wir versuchen nur sicherzustellen, dass wir mit unseren Mitgliedern einen Plan entwickeln, um ihnen in einer Situation zu helfen, die turbulent sein könnte.“

(felt/Reuters)
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