Ständehaus-Treff in Düsseldorf: Deutsche-Bank-Chef Christian Siewing zu Gast

Ständehaus-Treff in Düsseldorf : „In Deutschland gibt es zu viele Banken“

Christian Sewing hat einst als Lehrling bei der Deutschen Bank angefangen. Nun muss er das Institut aus der Krise führen. Beim Ständehaus-Treff in Düsseldorf verriet er, was er vorhat - und warum er Ostwestfalen treu bleibt.

Als wenn Deutsche-Bank-Aktionäre nicht schon genug schlechte Nachrichten zu verkraften gehabt hätten – jetzt verdirbt auch noch der hohe Ölpreis die Stimmung. Der lässt die Aussichten für die Weltwirtschaft sinken, und das trifft auch die Banken. Die Aktie verlor am Montag zwei Prozent. Für Christian Sewing, den Chef des größten deutschen Geldhauses, ist die Steigerung des Aktienkurses eine von mehreren Projekten. Am Montagabend stellte sich der Manager beim Ständehaus-Treff in Düsseldorf den Fragen von RP-Chefredakteur Michael Bröcker. Für Sewing war es der erste Auftritt beim Ständehaus-Treff, für Bröcker der letzte. Er verlässt die Rheinische Post Mediengruppe. Sein Nachfolger wird Moritz Döbler, bis vor Kurzem Chefredakteur des Bremer „Weser-Kurier“ und Vorstandsmitglied der Bremer Tageszeitungen AG.

Bröcker geht, Sewing bleibt. Der Deutsche-Bank-Chef ist knapp eineinhalb Jahre im Amt und hat noch viel Arbeit. „Ich bin nicht die letzte Patrone der Deutschen Bank, sondern eine gute“, sagte Sewing auf eine entsprechende Frage von Bröcker. Sein Credo beim Umbau: „Wenn man einen Bereich binnen drei Jahren nicht drehen kann, dann muss man sich trennen.“ Das sagt er auch mit Blick auf Teile des Investementbankings. Seine Baustellen:

  • Aktienkurs Würde man den Erfolg Sewings allein an der Börsenentwicklung messen, wäre die Bilanz traurig. Etwa 36 Prozent hat die Aktie seit dem Amtsantritt des gebürtigen Bünders verloren. Traut die Börse ihm also den großen Wurf nicht zu? Die Anleger hätten zwei Fragen, meint Sewing: „Schafft es die Bank, die Erträge in den nächsten Jahren zu steigern? Und: Braucht sie eine Kapitalerhöhung?“ An der Profitabilität arbeite man hart. Und auch zum Thema Kapitalerhöhung gibt Sewing eine klare Antwort: „Wenn wir den Portfolio-Umbau so schaffen, wie wir es uns vorgenommen haben, dann werden wir keine Kapitalerhöhung brauchen.“ Für den Läufer Sewing steht die Bank vor einem „gut zu schaffenden Marathon“.
  • Niedrigzinsen „Die Politik des Niedrigzinses ist nicht mehr richtig“, sagte Sewing. In der Eurokrise habe EZB-Präsident Mario Draghi die richtige Politik gemacht, aber dann habe man „die Ausfahrt verpasst“. Das sei ein Problem für Europas Banken, die gegenüber US-Instituten benachteiligt würden. Aber das sei vor allem ein Problem für die Gesellschaft. „Die Politik der Europäischen Zentralbank spaltet die Gesellschaft. Nicht einmal die Hälfte der Deutschen hat Zugang zu billigem Geld und kann in Immobilien investieren.“ Die Politik müsse der EZB helfen, von den Niedrigzinsen wegzukommen.
  • Jobabbau 18.000 Arbeitsplätze will die Deutsche Bank bis 2022 streichen. Das ist der schmerzlichste Einschnitt in der Geschichte des Instituts. „Im Sinne unserer Bank haben wir keine andere Wahl. Auch deshalb werden wir alles dafür tun, die Einschnitte so verantwortungsbewusst wie möglich umzusetzen“, schrieb Sewing jüngst an die Belegschaft. In Hongkong, New York und London haben Banker Büros geräumt, der Handel mit Aktien wird aufgegeben. Wo Stellen wegfallen, wollte Sewing noch nicht sagen: „Das wird alle Bereiche treffen.“ Zugleich werde man den Kulturwandel weiter vorantreiben: „Die Mitarbeiter müssen wieder stolz sein, bei der Deutschen Bank zu arbeiten.“ Gleichzeitig müsse die Bank aus alten Fehlern lernen: „Wir dürfen nicht arrogant werden.“ Man habe früher an manchen Stellen die Balance verloren und dafür berechtigte Strafen gezahlt.
  • Branche Der europäische Markt sei „overbanked“, es gebe zu viele Banken in Europa und Deutschland, meint Sewing. Daher gehe er von weiteren Fusionen aus. Zugleich glaubt er nicht an das große Filial­sterben. Immer mehr Kunden nutzen das Online-Banking, darauf reagiere die Bank. Aber Sewing ist auch überzeugt: „Die Bank-Filiale wird nicht aussterben.“ Ebensowenig wie das Bargeld: „Das lieben die Deutschen.“
  • Karriere Funktioniert Sewings Plan, geht er als der Chef in die Geschichte der Deutschen Bank ein, dem die Transformation eines schwer beweglichen Unternehmens glückte. Wenn nicht, bleibt die Erinnerung an jemanden, der der Bank einen erfolglosen Strategieschwenk verordnete. Dieses Risikos ist sich der Manager bewusst. Mit dem Druck geht der Ostwestfale souverän um. Als Tennisspieler, der 36 Mal in Endspielen stand (und alle verlor), gewinnt man da Routine. Vielleicht ist es auch landsmannschaftliche Gelassenheit. Oder das Wissen um die Familie, die in Osnabrück geblieben ist. „Osnabrück steht für Bodenständigkeit. Das ist für mich der ideale Rückzugsort“, bekennt Dauerpendler Sewing. Wenn es um Fußball geht, schwebt er jedoch in anderen Regionen – beim FC Bayern. Wie kommt ein Ostwestfale zu den Bayern? „Das Sporthaus Rummenigge aus Lippstadt hat viele Tennisturniere gesponsert. Da ist der Funke irgendwann übergesprungen.“ Ob er mal was anderes werden wollte? Ja, eigentlich Journalist. Aber dafür habe sein Abitur-Notendurchschnitt von 2,4 nicht gereicht. Aber so ganz schlecht ist sein Job jetzt ja auch nicht. 

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