Furcht vor Verschärfung der Krise: Spanien und Italien verbieten Aktien-Leerverkäufe

Furcht vor Verschärfung der Krise : Spanien und Italien verbieten Aktien-Leerverkäufe

Angesichts der von neuen spanischen Hiobsbotschaften ausgelösten Turbulenzen an den Finanzmärkten haben Spanien und Italien ein Leerverkäufe-Verbot verhängt. Dies sei angesichts der Volatilität an den europäischen Märkten beschlossen worden und solle für drei Monate gelten, teilte die spanische Börsenaufsicht am Montag mit.

In Italien untersagte die Börsenaufsicht Leerverkäufe von Aktien, nachdem der Leitindex FTSE-MIB an der Mailänder Börse am Morgen vorübergehend um mehr als fünf Prozent abgestürzt war. Das Verbot soll eine Woche gelten.

Der Handel mit Aktien einiger Banken und Finanzgruppen wurde nach starken Verlusten vorübergehend ausgesetzt. Grund für den Einbruch war die Furcht vor einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise in Europa. Investoren befürchten, dass auch Spanien unter den internationalen Rettungsschirm schlüpfen muss. Für eine Hilfe für Italien wäre dann nicht mehr ausreichend Geld vorhanden.

Monti in Moskau

Der italienische Ministerpräsident Mario Monti, der sich am Montag zu einem Besuch in Moskau aufhielt, bezeichnete die Situation für die Eurozone als "schwierig". Angesichts der derzeitigen Finanzkrise wird über die Möglichkeit einer vorgezogenen Neuwahl in Italien spekuliert. Monti deutete in einem Interview der russischen Zeitung "Rossijskaja Gaseta" an, dass er bis Ablauf der derzeitigen Legislaturperiode im Frühjahr im Amt bleiben wolle, sich aber anschließend nicht um einen neuen politischen Posten bemühen werde.

Unterdessen stiegen die Zinsen für zehnjährige italienische Staatsanleihen um 0,25 Prozentpunkte auf 6,32 Prozent. Neuen Angaben des europäischen Statistikamts Eurostat zufolge beträgt die Staatsverschuldung Italiens inzwischen 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist nach Griechenland der zweithöchste Wert in Europa.

Risikoaufschlag auf kritischem Niveau

In Spanien jagte zum Wochenauftakt eine schlechte Nachricht die nächste: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal weiter - um 0,4 Prozent. Der Risikoaufschlag für zehnjährige Anleihen stieg auf ein kritisches Niveau. Und nach Valencia will nun offenbar auch die Region Murcia um finanziellen Beistand der Zentralregierung bitten.

Im Handelsverlauf kletterte der Risikoaufschlag der zehnjährigen Anleihen zeitweise um 0,33 Prozentpunkte auf 7,56 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung 1999 und liegt über der Marke von sieben Prozent, bei der Griechenland, Irland und Portugal unter den Rettungsschirm schlüpften. Der Ibex-35-Aktienindex gab deutlich nach.

"Diese Werte weisen darauf hin, dass es Spanien bald schwer fallen könnte, sich selbst am Markt zu finanzieren", mahnte der Analyst Gary Jenkins von Swordfish Research. Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen wäre das Land dann auf den Rettungsschirm angewiesen.

Schuldenberg der Regionen

Nur kurz vorher teilte die Regionalregierung von Murcia mit, sie erwäge einen Antrag auf Unterstützung. Mit Blick auf einen vom Staat bereitgestellten Liquiditätsfonds denke die Region über die Bitte um Hilfe nach, hieß es in einer Stellungnahme am Sonntagabend. Erst am Freitag hatte Valencia als erste Region in Madrid um finanzielle Unterstützung gebeten, um Gläubiger bezahlen und ausstehende Rechnungen begleichen zu können.

Nach einem Bericht der Zeitung "El País" haben die 17 halbautonomen spanischen Regionen einen Schuldenberg von 140 Milliarden Euro angehäuft, von dem 36 Milliarden Euro noch in diesem Jahr refinanziert werden müssen. Ein Fonds für die Regionen wurde Mitte des Monats aufgelegt. Für den spanischen Bankensektor gab die Eurogruppe am Freitag ein Rettungspaket in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro frei.

Spanien hat auf die Misere zuletzt mit einer weiteren Runde aus Sparmaßnahmen und Strukturreformen reagiert, um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen. Der Widerstand gegen das Sparpaket von Ministerpräsident Mariano Rajoy aber wächst, Wut und Empörung haben bereits Hunderttausende Spanier zu Protesten auf die Straßen getrieben.

Hier geht es zur Infostrecke: Was sind Ratingagenturen?

(APD)
Mehr von RP ONLINE