Rente: Frank-Jürgen Weise schlägt freiwillige Rente mit 70 vor

Vorschlag von BA-Chef Weise : Künftig erst mit 70 Jahren in Rente?

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, fordert mehr Anreize für Senioren, erwerbstätig zu bleiben.

Die Wirtschaft klagt, dass ihr die Fachkräfte fehlen. Viele Unternehmen würden ihre Leute gerne über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus beschäftigen. Bislang ist dies für die Arbeitnehmer aber nur wenig attraktiv.

Warum diskutieren wir jetzt mal wieder über die Rente mit 70?

Zum Auftakt des neuen Jahres hat der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, dazu einen neuen Vorstoß unternommen. Mit Blick auf die von der großen Koalition eingeführte Rente ab 63 Jahren für langjährig Versicherte sagte Weise: "Man sollte nun auch Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können." Die Forderung nach einer Rente ab 70 wird auch von verschiedenen Ökonomen erhoben, aus deren Sicht die gesetzliche Rente nur finanzierbar bleibt, wenn die Arbeitnehmer künftig noch über den 67. Geburtstag hinaus arbeiten.

Frank-Jürgen Weise schlägt vor, dass Arbeitnehmer freiwillig bis 70 weiterarbeiten können. Foto: AP, AP

Was plant die große Koalition?

Zurzeit erarbeitet eine Gruppe aus Sozialpolitikern von Union und SPD ein Konzept, wie ein flexiblerer Eintritt in den Ruhestand gelingen kann. Es gibt noch keine Einigkeit: Die CDU legt den Schwerpunkt darauf, dass ein längeres Arbeiten leichter wird, während die SPD ihr Augenmerk auf neue Formen der Altersteilzeit und auf altersgerechte Arbeitsplätze richtet. Der Wirtschaftsflügel der CDU dringt auf einen Flexi-Bonus, durch den die Arbeitnehmer auch Vorteile in der Rente erhalten, wenn sie länger arbeiten.

Kann man nicht heute schon freiwillig so lange erwerbstätig sein, wie man will?

Wer eine normale Rente bezieht, also nicht erwerbsgemindert ist oder sich in der Ruhephase der Altersteilzeit befindet, kann neben der Rente so viel hinzuverdienen, wie er möchte. Rund 800 000 Rentner in Deutschland sind erwerbstätig, meistens gehen sie einem Mini-Job nach. Es gibt keine Anreize, Vollzeit oder auch Teilzeit in seinem erlernten Beruf zu bleiben. Bislang hat sich die große Koalition nur zu einer kleinen Verbesserung für die Arbeitgeber durchringen können: Senioren, die das Rentenalter erreicht haben, können neuerdings befristet beim alten Arbeitgeber bleiben. Bislang gab es nur die Möglichkeit, sie unbefristet weiterzubeschäftigen, und die wenigsten Arbeitgeber wollten das Risiko eingehen, am Ende mit 95-Jährigen arbeiten zu müssen.

Gerade wird die Rente ab 67 schrittweise eingeführt. Reicht das nicht, um das Versicherungssystem in Zukunft stabil zu halten?

Die schrittweise Einführung der Rente ab 67 verlängert jetzt schon spürbar die Lebensarbeitszeit. Wer 1950 geboren wurde und dieses Jahr in Rente gehen möchte, muss bis zum Alter von 65 Jahren und vier Monaten arbeiten. Diese Reform hat den Druck gelindert, den der demografische Wandel auf die Rentenversicherung ausübt. Allerdings bemängeln die Experten der Rentenversicherung, dass die Rente ab 63 für langjährig Versicherte die positiven Effekte der Rente ab 67 zunichte mache. Das heißt, der Druck ist groß, dass viele Arbeitnehmer noch länger arbeiten, wenn sich eine große Gruppe bereits mit 63 Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Was steht uns in Sachen Fachkräftemangel bevor?

Nach einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts IW besteht schon heute in 139 von 615 Berufsgruppen ein Fachkräfte-Engpass. Besonders betroffen sind Bildungs- und Gesundheitsberufe sowie die Sozialbranche, die Baubranche und die Gebäudetechnik. Die Lage wird sich verschärfen, da die Babyboomer-Jahrgänge aufs Rentenalter zusteuern. Von den 6,7 Millionen Fachkräften in Engpassberufen gehen innerhalb der nächsten 15 Jahre 2,1 Millionen in Rente, da sie heute 50 Jahre oder älter sind.

Ist die Rente ab 63 für langjährig Versicherte die Ursache für den Fachkräftemangel?

Die Rente ab 63 ist nicht allein für den Fachkräftemangel verantwortlich, verschärft die Lage allerdings erheblich. Bis November vergangenen Jahres hatten bereits 186 000 Arbeitnehmer einen Antrag auf die frühzeitige Vollrente gestellt.

Wie wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Zukunft ändern?

Der Anteil der Älteren nimmt stark zu. Heute kommen auf 100 Arbeitnehmer etwa 34 Menschen über 65 Jahre. Nach der Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2060 etwa 65 Senioren auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen.

In welchem Alter gehen die Deutschen in Ruhestand?

Das reale Renteneintrittsalter ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich gestiegen: Heute gehen Männer mit etwa 63,8 Jahren in den Ruhestand und Frauen mit 63,3 Jahren.

(qua)
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