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Online-Handel: Wenn Jugendliche ins digitale Trading einsteigen

Handel an Online-Börsen : Wenn Jugendliche ins digitale Trading einsteigen

Das digitale Handeln von Aktien, ETFs oder auch Kryptowährungen liegt im Trend. Apps ermöglichen Privatnutzern mit dem Smartphone sehr leicht den Einstieg in die Online-Finanzwelt. Doch das zieht nicht nur Erwachsene an, auch Jugendliche reizen die Gewinnchancen.

„Wie ich 1000 Dollar passives Einkommen pro Monat erreiche“, „So viel solltest du als Teenager investiert haben“ oder „Mein Krypto-Portfolio“ – so lauten die Titel dreier Videos des Tiktok-Accounts von @teen.executive, der sich selbst Adam nennt. Er bedient mit seinen Videos eine ganz neue Nische auf der Plattform: Spezielle Anlage- und Finanz-Ratschläge für Jugendliche bescheren dem 14-Jährigen mehr als 180.000 Follower – Tendenz rasant steigend.

 Das Profil von @teen.executive auf Tiktok.
Das Profil von @teen.executive auf Tiktok. Foto: Screenshot/Tiktok/@teen.executive

Selbst hat er den großen Plan, bereits mit Mitte Zwanzig millionenschwer zu werden. Sein Wissen teilt der junge Geschäftsführer eines Kleinvertriebs und Influencer mit Tausenden von anderen Interessierten aber jetzt schon online. Dabei fokussiert er sich speziell auf Jugendliche: Auf seinem Account finden sich genaue Anleitungen, wie Personen unter 18 Jahren trotz beschränkter Geschäftsfähigkeit auf Trading-Plattformen gelangen können. Alles was es dafür braucht, ist meist die Einwilligung der Eltern. So bieten etwa auch einige deutsche Banken Depots an, die Eltern für ihre Kinder anlegen können – haben diese Zugriff, können sie begrenzt mitmischen. Für solche sogenannten Minderjährigen-Depots gibt es je nach Anbieter meist eigene Spielregeln, wie etwa Mindestordermengen oder eine Einschränkung bei den Anlageformen, und auch die Kosten unterscheiden sich. Beliebte Online-Dienste wie Trade Republic oder Scalable Capital bieten eine solche Möglichkeit hingegen nicht. Sie haben für ihre Dienste ein Mindestalter von 18 Jahren festgelegt.

Verbraucherschützer sehen das Agieren von Minderjährigen auf dem Finanzmarkt generell kritisch: „Nur wenn Jugendliche ein fundiertes Wissen über grundlegende finanzielle Zusammenhänge und Funktionsweisen von Finanzprodukten haben, sind sie in der Lage, zielgerichtet und angemessen mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld umzugehen“, heißt es etwa von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Was passiert also, wenn dies nicht der Fall ist?

Das Teenager-Format von @teen.executive findet auf jeden Fall Anklang. Das zeigen die Rückmeldungen in den Kommentarspalten. „Soll ich lieber mit Aktien handeln oder Produkte auf Amazon verkaufen“, fragt etwa ein anonymer Account unter einem der vielen Videos. Auch der Algorithmus belohnt offenbar die spezielle Ausrichtung: Zwischen 10.000 und 14.000 Views erzielt ein Video in der Finanz-Kategorie laut der Analyse-Plattform „Tiktokhashtags“ im Mittel. Auch wenn typischerweise Choreografien oder humoristischer Inhalt für virale Hits sorgen, schaffen Finanzvideos in etwa doppelt so viele durchschnittliche Klickzahlen wie Tanz- und Musik-Videos (Durchschnitt: 5.000-7.000 Aufrufe), für die die Plattform bekannt geworden ist.

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Doch der Weg von finanzieller Bildung zu unseriöseren Angeboten ist gerade in sozialen Netzwerken oft nicht weit: Immer wieder finden sich in Kommentarspalten werbliche Beiträge für verschiedene Plattformen. Auf ihnen soll man die Möglichkeit zur Verwaltung von eigens erschlossener Digitalwährungen haben. Ähnlich wie beim Hype um die Audio-Plattform Clubhouse wird das Angebot künstlich verknappt: Die Apps können nur von Personen verwendet werden, die durch einen Einladungscode aufgenommen werden. Gleichzeitig ist der reale Nutzen häufig zweifelhaft: Von den Betreibenden der Apps wird im Kleingedruckten oftmals deklariert, dass innerhalb der Applikation gar keine Währungserschließung ausgeführt wird. Unklar ist daher, ob die gesammelten digitalen Anlagen außerhalb der App überhaupt einen tatsächlichen Gegenwert haben. Die Betreiber profitieren hingegen trotzdem: von den Daten der Nutzer, die für Marketingzwecke verwendet werden können. Christian-Henner Hentsch, Professor für Urheber- und Medienrecht an der Technischen Hochschule Köln, rät deshalb zum kritischen Blick ins Impressum und in die Datenschutzerklärung solcher Angebote. „Was Urheber und Dritte mit den Daten der Nutzer anstellen, muss transparent einsehbar sein“, sagt er.

Der Reiz, solche Plattformen auszuprobieren und es selbst mit dem eigenen finanziellen Glück im Netz zu versuchen, ist offenbar groß. Doch warum sind gerade junge Menschen so eine interessante Zielgruppe – auch für weniger seriöse Anbieter? Maximilian Gens, Finanzvorstand von Jugendpresse Deutschland, dem Verband für junge Medienmachende, begründet das mit den unsicheren Zukunftsaussichten seiner Generation. „In Zeiten, in denen althergebrachte Alterssicherungen wie die Rente oder das Eigenheim nicht mehr greifen, bleiben Jugendlichen ja nur wenige Optionen, um ihr Geld zu sichern, geschweige denn es zu vermehren.“

Die Affinität junger Menschen bei der Online-Recherchen zum Thema Finanzen bestätigt auch die repräsentative comdirect-Jugendstudie 2019: Mit 60 Prozent ist das Internet demnach für Unter-25-Jährige die erste Anlaufstelle bei der Recherche zu Geldanlagen, gefolgt von dem Austausch im Freundeskreis (51 Prozent) und der Informationsbeschaffung durch soziale Kanäle (42 Prozent, Mehrfachnennung möglich). Von der bewährten Beratung in den vier Wänden der Bank des Vertrauens ist dagegen kaum noch die Rede (weniger als ein Prozent).

Zu der medialen Verschiebung gesellt sich die erhöhte Bereitschaft (25 Prozent), das eigene Geld in moderne Anlageformate wie Aktien oder ETFs (börsengehandelte Indexfonds) zu investieren. Diese moderne Beziehung zu Geldanlagen ist jetzt schon auf einem nahezu gleichen Niveau wie die Inanspruchnahme allbekannter Sparkonten (26 Prozent). Bei anhaltendem Trend könnte dieses Gleichgewicht schon bald aus der Balance geraten. Auch wenn die Nutzung von Girokonten (67 Prozent) und Sparkonten (43 Prozent) immer noch mit Abstand den Großteil der Geldanlagen ausmachen, so ist bereits schon jeder Zehnte Unter-25-Jährige im Besitz eines Wertpapierdepots.

Während früher noch Zeitungen ausgetragen wurden, klingen die Chancen zur Online-Geldanlage für Jugendliche heutzutage womöglich vielversprechender – trotz der Risiken, wenn man bei der Anbieterauswahl nicht genau hinschaut. Dazu rät Gens aber ganz ausdrücklich: „Jugendliche sollten sich immer bewusst sein, dass Medien die Wirklichkeit verzerren.“ Und so sollten eben auch Einladungscodes eines eigentlich vertrauenswürdigen Freundes oder Bekannten für Krypto-Plattformen oder andere Finanzmarktplätze genau unter die Lupe genommen werden.