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Inflation: Wie die Angst vor hohen Preisen die Preise treiben kann

Inflation : Wenn die Preise aus Angst vor hohen Preisen steigen

Wenn Menschen eine steigende Inflation erwarten, kaufen sie mehr und wollen höhere Löhne. All das kann den Effekt noch verstärken, erklärt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Die selbsterfüllende Prophezeiung ist ein psychologisches Phänomen, das man aus der Soziallehre kennt: Wer ein bestimmtes Ergebnis erwartet, trägt durch sein eigenes Verhalten womöglich dazu bei, dass genau dieses Ergebnis eintritt. Zu den bekannten Beispielen aus der Welt der Wirtschaft gehört die Angst vor dem Kollaps einer Bank, die dazu führt, dass Anleger ihr Geld abziehen und das Institut damit tatsächlich in den Zusammenbruch treiben.

So ähnlich kann das nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auch bei der Geldentwertung passieren. „Die Angst könnte die Inflation treiben“, schreibt DIW-Ökonomin Kerstin Bernoth in einer aktuellen Studie. Ihre Argumentation: „Gehen die Konsumentinnen, aber auch die Unternehmen davon aus, dass die Preise weiter so steigen, werden die Menschen Käufe vorziehen und höhere Löhne fordern. Die Unternehmen wiederum werden auf ihre Preise aufschlagen, wenn sie damit rechnen, höhere Löhne und höhere Erzeugerpreise zahlen zu müssen.“

Diese Angst ist über Jahrzehnte mit dem Trauma vieler Deutscher begründet worden, die die Hyperinflation der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch erlebt hatten oder zumindest die Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Erklärungsmuster für heute taugt das aber nicht mehr  – auch, weil viele Zeitzeugen von damals gar nicht mehr leben. Stattdessen sind es die realen Verbraucherpreise an der Tankstelle, im Supermarkt und beim Friseur, die diese Sorge schüren. Wobei manches ja durch den Basiseffekt (im vergangenen Jahr waren manche Waren und Dienstleistungen in der Pandemie deutlich billiger geworden) und die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz bedingt ist.

Ein anschauliches Beispiel: Ein Liter Superbenzin an der Tankstelle ist heute nicht teurer als vor zehn Jahren, aber die Menschen haben mehr Geld in der Tasche. Allerdings wird sich beispielsweise Energie im Zuge des ökologischen Umbaus verteuern, und das ist natürlich mehr als eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Die umkehrende Interpretation der DIW-Studienergebnisse führt jedenfalls zu der Folgerung: Hätten die Menschen nicht so viel Angst vor steigenden Preisen, wären die aktuellen Inflationsraten womöglich nur vorübergehend. Dafür sprechen auch die Basisdaten, die die Forscher noch einmal zusammengetragen haben. Irgendwann laufen die Auswirkungen der Corona-Konjunkturpakete aus, Lieferengpässe, die beispielsweise die Materialpreise haben steigen lassen, sind womöglich im kommenden Jahr beseitigt; die Preissteigerung bei Dienstleistungen liegt unter einem Prozent. „Auch der Lohndruck und die Konsumneigung entwickeln sich bisher moderat“, schreibt das DIW. Kein Grund also für überbordende Inflationserwarten. Deren Entwicklung sollte die Europäische Zentralbank aber nach DIW-Einschätzung „genau beobachten und sich rechtzeitig für den Fall einer Lohn-Preis-Spirale wappnen, möglichst jetzt schon kommunikativ gegensteuern“. Das hat sie allerdings schon erfolglos versucht.