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Inflation im Dezember so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr

Droht jetzt eine Stagflation? : Inflation im Dezember so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr

Die Preise sind im Dezember mit 5,3 Prozent so stark gestiegen wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Im laufenden Jahr erwarten Ökonomen eine ähnlich hohe Jahresrate wie im vergangenen Jahr – drei Prozent oder mehr. Kritiker sehen die EZB in der Pflicht gegenzusteuern – und Finanzminister Lindner will auf die Ausgabenbremse treten.

Die Inflation in Deutschland hat sich im Dezember wegen anziehender Preise für Energie und Lebensmittel nochmals beschleunigt. Die Preise für Waren und Dienstleistungen kletterten um durchschnittlich 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – so stark wie seit 1992 nicht mehr. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Im November hatte die Teuerungsrate 5,2 Prozent erreicht.

Im Gesamtjahr 2021 sei die Preissteigerungsrate damit auf 3,1 Prozent gegenüber Vorjahr gestiegen, so die Statistiker. Ökonomen sagen für das erste Halbjahr 2022 deutlich geringere monatliche Inflationsraten als im zweiten Halbjahr 2021 voraus. Doch für das Gesamtjahr 2022 erwarten sie nun eine ähnlich hohe Inflationsrate wie im vergangenen Jahr. Das Münchner Ifo-Institut prognostizierte auf der Basis seiner regelmäßigen Umfrage zu den Inflationserwartungen der Unternehmen sogar eine Teuerungsrate von 3,5 Prozent. Das so genannte Ifo-Barometer für Preiserwartungen fiel im Dezember kaum und blieb damit nur minimal unter dem Rekordstand vom November.

Im Januar soll vor allem ein statistischer Effekt dafür sorgen, dass die monatlichen Raten wieder zurückgehen: Die alte Bundesregierung hatte im zweiten Halbjahr 2020 die Mehrwertsteuer vorübergehend von 19 auf 16 Prozent gesenkt, was damals preisdämpfend gewirkt hatte. Die Vergleichswerte im zweiten Halbjahr 2021 fielen daher umso höher aus. Dieser Effekt entfällt ab Januar 2022, so dass die Raten wieder geringer ausfallen sollen. „Risiken für die Inflation bleiben allerdings ein neuer Energiepreisschock, der sich etwa aus einer Zuspitzung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine ergeben könnte“, warnte Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut.

Die Energiepreise zogen im Dezember um 18,3 Prozent an. „Hier wirkten sich zusätzlich die CO2-Bepreisung und die Rohstoffpreisentwicklung aus“, erklärten die Statistiker. Leichtes Heizöl verteuerte sich mit 61,0 Prozent besonders stark, ebenso Kraftstoffe mit 33,8 Prozent. Nahrungsmittel kosteten im Schnitt 6,0 Prozent mehr. „Teurer wurde vor allem Gemüse“, hieß es. Dafür wurden 9,9 Prozent mehr verlangt als im Dezember 2020. Bei Bekleidung und Schuhen lag das Plus bei 5,5 Prozent, während Nettokaltmieten um 1,5 Prozent zulegten.

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 Der Inflations-Ausblick hatte sich in den vergangenen Monaten verdüstert. Selbst die Europäische Zentralbank (EZB), die lange Zeit auf wieder deutlich rückläufige Inflationsraten gesetzt hatte, ist skeptischer geworden: Sie erwartet 2022 nun eine Euro-Inflationsrate von 3,2 Prozent, deutlich über ihrem mittelfristigne Zielwert von zwei Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte jedoch Zinserhöhungen für dieses Jahr bislang ausgeschlossen. Kritiker der EZB, darunter auch Politiker aus Union und FDP, sehen die Notenbank in der Pflicht, schneller auf die Preisdynamik mit einer Kursänderung zu reagieren. „Es müssen jetzt schnell die richtigen Weichen gestellt werden, um die Sorgen der Menschen vor der schleichenden Entwertung ihrer Ersparnisse zu entkräften“, sagte FDP-Finanzpolitiker Markus Herbrand. In Großbritannien hat die Notenbank bereits die Zinswende eingeläutet. Sie dürfte ihre Zinsen am 3. Februar weiter erhöhen.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) rief angesichts der höheren Inflation und erstmals wieder steigenden Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen zu mehr haushaltspolitischer Sparsamkeit auf. „Staatsverschuldung ist nicht umsonst zu haben. Die Entwicklung bei den Staatsanleihen erinnert uns daran“, sagte Lindner. Man müsse bei den Konsumausgaben der Gegenwart Maß halten, damit Spielraum für Investitionen in Zukunftsaufgaben entstehe.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, forderte die Bundesregierung auf, Menschen mit geringeren Einkommen, die besonders unter Preissteigerungen litten, mehr zu unterstützen. „Es ist Aufgabe der Politik, Menschen mit geringen Einkommen und die von den explodieren Energiepreisen am stärksten betroffenen Haushalte durch direkte Zahlungen eines Energiegeldes zu unterstützen“, sagte Fratzscher unserer Redaktion. „Die Pandemie und der Russland-Konflikt, welche die Energiepreise und Preise in den Lieferketten steigen lassen, führen dazu, dass die Preisentwicklung weiterhin schwer vorhersehbar ist. Kurzfristig wird niemand in Deutschland daran etwas ändern können, weder die Politik noch die Zentralbank.“

Die Gefahr einer Stagflation – einer gefährlichen Mischung aus Inflation und Stagnation wie in den 70-er Jahren nach den Ölpreisschocks – sieht der DIW-Chef jedoch nicht. „Es gibt bisher keine Anzeichen für eine Stagflation, denn trotz einer hohen Inflation dürfte auch die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr mit um die vier Prozent stark wachsen, wenn es gelingt die Pandemie in den Griff zu bekommen. 2023 dürfte sich sowohl die Inflation als auch das Wachstum wieder normalisieren. Niemand hat eine Glaskugel um in die Zukunft zu schauen, aber Politik und Zentralbank haben alle Instrumente um eine Stagflation zu verhindern“, sagte Fratzscher.