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Gastbeitrag von Jorgo Chatzimarkakis: Griechenland braucht Zeit

Gastbeitrag von Jorgo Chatzimarkakis : Griechenland braucht Zeit

Düsseldorf (RPO). Griechenland ist besser sein Ruf: Warum man den "Patienten" noch lange nicht abschreiben sollte. Gibt man dieser Tage das Stichwort "Griechenland" bei Google News ein, so spuckt die Suchmaschine vor allem eines unter den ersten Treffern aus: Euro, Krise, Pleite.

Griechenland ist allerdings weit besser als sein Ruf. Das Land hat die zweitgrößte Handelsschiffflotte der Welt; stark ist man im IT-Bereich. Im Bereich erneuerbarer Energien gibt es viel Potential, das nur darauf wartet, entwickelt zu werden. Durch Investitionen in Solar- und Windenergie kann Griechenland sogar zum Hauptproduzenten im Mittelmeerraum werden.

Auch darüber muss einmal geredet werden. Wer immer nur darüber spricht, wie schlecht Griechenland angeblich ist, der verschreckt Investoren. So kommt Hellas garantiert nicht zu mehr Wirtschaftswachstum. Glücklicherweise lassen sich viele eben nicht abschrecken. Ich stehe mit genug deutschen Unternehmern in Kontakt, die Investitionen planen.

Griechenland ist zurzeit in einem grundlegenden Reformprozess, der nicht von heute auf morgen Erfolge zeigt. Deshalb kommt es jetzt auf etwas Geduld an. Sie haben bereits sehr große Einschnitte ohne größeres Murren akzeptiert und sind bereit, alles für ihr Land zu geben. Denn auch das ist typisch griechisch: starker sozialer Zusammenhalt, der Grieche fragt im Notfall nicht, was der Staat tun kann, sondern packt selber an.

Engagierte, fleißige Menschen

Wenn man sich einmal die Mühe macht, sich wirklich mit den Griechen zu unterhalten, anstatt immer nur über sie zu sprechen, dann trifft man auf engagierte, kreative und fleißige Menschen voller Tatendrang. Ihr größter Traum ist nicht, auf europäische Steuerzahlerkosten in den Tag hinein zu leben, sondern ihr Lebensprojekt mit den eigenen Händen aufzubauen und den Enkelkindern etwas Eigenes zu hinterlassen.

Doch das "System" erschwert ihnen das unnötig. Mit dem "System" meine ich den zu aufgeblähten griechischen Verwaltungswasserkopf, der viele Initiativen zwar nicht völlig unmöglich macht, aber unnötig erschwert. Volkswirtschaftler der OECD haben Anfang 2011 ausgerechnet, dass Griechenland seine Wirtschaftsleistung um 17 Prozent steigern könnte, wenn es grundlegende Strukturreformen angehen würde.

Diese Reformen müssen endlich durch eine mutige Politik angegangen werden — und sie werden angepackt. Der sanfte Druck, den die EU-Kommission jetzt mit der Task Force intensiviert, könnte eine weitere Stufe wichtiger Verwaltungsreformen in Griechenland sein: Nicht länger benötigte Behörden müssen konsequent abgewickelt, Gehälter im öffentlichen Sektor transparenter und die Privatisierungen umfassender angegangen werden.

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Viel guter Wille

Eine weitere wichtige Baustelle ist die Liberalisierung der so genannten freien Berufe. Diese Liberalisierung steht ganz oben auf der Reformagenda der griechischen Regierung. Auch hier habe ich viel guten Willen angetroffen, die Reformen mitzutragen, wenn es dem Land hilft. Nicht bei allen, aber doch bei vielen.

Beispiel Taxifahrer: Einige streiken, seit die Regierung angekündigt hat, Zugangsbeschränkungen aufzuheben. Genau aus diesem Grund fand ich vor ein paar Tagen am Athener Flughafen kein Taxi; der Bus war gerade abgefahren. Plötzlich sprach mich ein Mann an und bot mir an, mich in die Stadt zu bringen. Der Mann war Taxifahrer. Er hält nichts vom Streik einiger seiner Kollegen. "Wir wussten alle, dass wir damals 'heiße Luft' gekauft haben", sagt er. "Heiße Luft", das sind die Taxifahrerzertifikate, die einst für bis zu 200.000 Euro gehandelt wurden. Damit soll jetzt nach dem Willen des Verkehrsministeriums Schluss sein. "Die Zeiten ändern sich eben. Wer sich nicht anpasst, der kommt unter die Räder", lautete sein Kommentar.

Ein ähnlicher Tenor herrscht auch beim Mann am Zeitungskiosk und bei vielen anderen Griechen. Sie sind für echte Reformen. Ich bin, ohne Zweckoptimist zu sein, davon überzeugt, dass Griechenland auf dem richtigen Weg ist. Man muss dem Land nur Zeit lassen.

Unser Autor ist ein deutscher Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments für die FDP. Er hat die deutsche und die griechische Staatsangehörigkeit.