Geburt der Mark vor 70 Jahren kam die Währungsreform

Währungsreform: Sehnsucht nach der Mark

Vor 70 Jahren wurde die Mark eingeführt. Sie ist das Symbol des Wirtschaftswunders. Dabei ist der Euro stabiler, als sie es je war.

Wunder gibt es immer wieder. In der Nachkriegsgeschichte mindestens zwei. Das Wunder von Bern, der Sieg bei der Fußball-WM 1954, gab den Deutschen ihr Selbstbewusstsein zurück, das Wirtschaftswunder den Glauben an die Demokratie. Ohne die überraschend heil gebliebene Industrie und die Finanzhilfe der Amerikaner hätte es dieses Wunder nicht gegeben. Ohne den 20. Juni 1948 auch nicht. An dem Tag startete in den Westzonen die Währungsreform. Sie bescherte dem Land die Deutsche Mark und damit eine Währung, an der viele bis heute hängen.

In einer Geheimaktion hatten die Amerikaner die Scheine gedruckt und in 23.000 Holzkisten über den Atlantik nach Bremerhaven verschifft. Das US-Militär sicherte die Operation ab. „Bird Dog“, lautete der Codename. Bird Dog – die amerikanische Bezeichnung für Hunde, die Jägern ihre Beute bringen.

Mit einem Trick sorgte Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsdirektor, für einen Erfolg der Mark. Er hatte in den Monaten zuvor immer wieder von der Reform gesprochen, so dass viele Händler ihre Waren in die Lager packten statt in die Läden. Sie wollten kein Geld verdienen, das bald wertlos wurde. Am 20. Juni 1948 war es soweit: Die Bürger konnten 40 Reichsmark gegen 40 Deutsche Mark umtauschen – und plötzlich füllten sich die Schaufenster. Für die neue Währung konnten die Deutschen sofort etwas kaufen. Das schaffte erstes Vertrauen.

Das war bitter nötig. Denn andere Begleiterscheinungen der Währungsreform taten weh. Sparguthaben wurde gewaltig entwertet: Pro 100 Reichsmark Erspartes gab es nur 6,50 D-Mark. Mit der Währungsreform hob Erhard zugleich für viele Waren die Preisvorschriften auf. Kaum waren die Preise frei, schossen sie in die Höhe. Noch konnten die Unternehmen nicht die Mengen produzieren, die die Deutschen kaufen wollten. Die Bürger waren entsetzt. Die Gewerkschaften riefen im November zum Generalstreik auf – dem ersten und einzigen in der Bundesrepublik.

In den ersten Jahren war die Mark nicht sehr stabil. Rohstoffe, Energie, Waren – vieles musste Deutschland importieren. Das belastete den Wechselkurs. Die Mark verlor gegenüber dem Dollar immer mehr an Wert. Für andere wiederum war das ein Segen: Die schwache Mark wurde zum Schmiermittel der Exportwirtschaft. Denn Produkte „Made in Germany“ waren für Ausländer entsprechend günstig zu haben. Und so wurde die Exportwirtschaft zum Motor des ersten Nachkriegsaufschwungs.

1956 lief die deutsche Wirtschaft heiß. Die Kapazitäten waren ausgelastet, der Arbeitsmarkt leergefegt. Lohnforderungen und Inflation stiegen. Um den Preisauftrieb zu drosseln, erhöhte die Bank deutscher Länder, der Vorläufer der Bundesbank, den Leitzins. Kanzler Adenauer war empört: „Wir haben hier ein Organ, das niemandem verpflichtet ist, nicht einem Parlament, nicht einer Regierung.“ Und es kam für Adenauer noch schlimmer: Gegen seinen Willen setzte Ludwig Erhard 1957 das Bundesbank-Gesetz durch, das der Bundesbank die Unabhängigkeit gesetzlich garantierte. Erhard selbst sprach davon, dass es schon starke Männer mit starken Nerven brauche, um die neue Währung und die soziale Marktwirtschaft als neue Wirtschaftsordnung durchzusetzen.

Ökonomen sagen, dass es genauso richtig war. Denn nur eine Institution, die unabhängig ist von den kurzfristigen Einflüsterungen der Politik, kann eine Währung stabil halten. Die anschließende Erfolgsgeschichte gab Erhard Recht.

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Und die Mark war stets auch ein politisches Symbol. 1948 stand die Währung für die Teilung Deutschlands. Schließlich wurde sie nur in den Westzonen eingeführt. Der Osten antwortete kurz darauf mit einer eigenen, allerdings schon optisch traurigen Währung: Zunächst gab es nur mit Kupons beklebte Reichsmark-Noten, im Volksmund „Tapetenmark“ genannt.

1990 wurde die D-Mark zum Symbol für die deutsche Vereinigung. „Kommt die Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr“, riefen die Ostdeutschen nach dem Fall der Mauer. Damit zwangen sie die Bundesregierung unter Helmut Kohl, eine Währungsunion zügiger und großzügiger durchzuführen, als viele Ökonomen es für sinnvoll hielten. Vom 1. Juli 1990 an galt die D-Mark auch östlich der Elbe.

So stand am Ende die Mark nicht nur für das Wirtschaftswunder, sondern auch für den Sieg der sozialen Marktwirtschaft über Planwirtschaft und Sozialismus. Entsprechend schwer fiel den Deutschen der Abschied am 31. Dezember 2001.

Obwohl die Europäische Zentralbank genauso unabhängig konstruiert wurde wie die Bundesbank, machen viele Deutsche nur langsam Frieden mit dem Euro. Manche rechnen bis heute Euro-Preise in D-Mark um. Immerhin sinkt inzwischen der Anteil der Menschen, die in Umfragen sagen, sie wünschten sich die Mark zurück, auf ein Viertel.

Für viele steht der Euro (zu Unrecht) für kalte Globalisierung und neue Inflation. Dabei ist der Euro stabiler als die Mark. In den 1970er Jahren erlebte Deutschland Inflationsraten von fünf Prozent und mehr. Die durchschnittliche Inflationsrate im Euro-Raum lag bis zum Jahr 2017 dagegen nur bei 1,5 Prozent, so die Bundesbank. Und damit sogar niedriger als gewünscht.

Manche Wunder brauchen eben länger. Gut zu wissen, dass die Geschichte auch der Mark erst später Recht gegeben hat.

(anh)