ZEW-Index sinkt wie seit 14 Jahren nicht mehr: Finanzexperten sehen Krise im Anmarsch

ZEW-Index sinkt wie seit 14 Jahren nicht mehr : Finanzexperten sehen Krise im Anmarsch

Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten sind im Juni so stark eingebrochen wie seit Oktober 1998 nicht mehr. Der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fiel um 27,7 Punkte auf minus 16,9 Punkte. Ein Hauptgrund: Die wachsende Sorge um Spanien.

Als Gründe nannte das ZEW unter anderem die Zuspitzung der Krise des spanischen Bankensektors und den ungewissen Ausgang der griechischen Parlamentswahl während des Großteils des Umfragezeitraums.

Volkswirte hatten zwar mit einer Eintrübung gerechnet, diese aber viel moderater veranschlagt. Die Bewertung der aktuellen konjunkturellen Lage verschlechterte sich ebenfalls um 10,9 Punkte auf 33,2 Punkte.

Geldspritzen von der EZB

Mit dem Einbruch haben die Konjunkturerwartungen ihre Erholung seit Jahresbeginn wieder eingebüßt. Seinerzeit hatten vor allem die großen Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Beruhigung beigetragen.

Jüngst wurde die Stimmung jedoch durch die verfahrene Lage in Griechenland und die Krise im spanischen Bankensektor belastet. Dennoch ist die deutsche Konjunktur bislang gut durch die Krise gekommen.

Eindringliche Warnungen

Das ZEW mahnt jedoch, dass sich dies ändern könne: "Die Erwartungen der Finanzmarktexperten warnen eindringlich vor einer allzu optimistischen Einschätzung der deutschen Konjunkturperspektiven in diesem Jahr", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Die Risiken einer markanten Konjunkturabschwächung in wichtigen Handelspartnerländern seien unübersehbar. Hinzu komme die nach wie vor brenzlige Lage im Euroraum. "Das Votum der griechischen Wähler verschafft uns eine kurze Atempause - nicht mehr und nicht weniger", betonte Franz.

Der Druck auf Spanien wächst

Der Druck auf Spanien nimmt von Tag zu Tag zu: Bei einer Auktion von Geldmarktpapieren konnte das große Euro-Sorgenkind zwar am Dienstag wie geplant drei Milliarden Euro einsammeln, wie die nationale Schuldenagentur mitteilte. Doch das Zinsniveau hat selbst im kurzen Laufzeitbereich eine bedrohliche Höhe erreicht. Am Donnerstag will Madrid bis zu fünfjährige Anleihen anbieten.

Um sich für lediglich 12 und 18 Monate Geld bei Investoren zu borgen, musste Spanien Zinsen in Höhe von 5,074 und 5,107 Prozent bieten. Im Mai waren es noch 2,9 und 3,3 Prozent gewesen. Die Nachfrage nach den Papieren war zwar groß, dennoch dürfte die Mittelaufnahme zu diesen Konditionen für Spanien kaum lange durchzuhalten sein.

Trotz der deutlich gestiegenen Zinsen führten am Dienstag die Auktionsergebnisse am Sekundärmarkt, wo bestehende Anleihen frei gehandelt werden, zu leichter Entspannung. Im vielbeachteten zehnjährigen Laufzeitbereich fiel die Rendite wieder unter die kritische Marke von sieben Prozent. Zuletzt wurde sie bei 6,999 Prozent notiert.

Aussagekraft begrenzt

Die Aussagekraft der Marktreaktionen ist jedoch begrenzt, da Gerüchte kursieren, nach denen die Europäische Zentralbank ihr seit Monaten ruhendes Anleihekaufprogramm wieder aufgenommen hat. Händler bezeichneten diese Spekulationen zwar als abwegig und bezeichneten derartige Interventionen der Notenbank als unwahrscheinlich. Dennoch könnten sie die Kurse bewegen.

Neue Schreckensmeldungen kommen zudem aus dem spanischen Bankensektor: Die faulen Kredite in den Büchern der Geldhäuser sind auf den höchsten Stand seit 1994 gestiegen, wie aus Daten der spanischen Zentralbank vom Montag hervorgeht. Im April kletterte der Anteil der Kredite in Zahlungsverzug von 8,32 auf 8,72 Prozent. Das entspricht einer Summe von etwa 152 Milliarden Euro.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Warum Spanien unter den Rettungsschirm flüchtet

(dpa)