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Frankfurt: EZB plant Bürgerversammlungen

Frankfurt : EZB plant Bürgerversammlungen

Nach der Kritik an ihrer Zinspolitik lädt die Europäische Zentralbank unter dem Titel „Das Eurosystem hört zu" zu Gesprächen ein. Zugleich erwarten Investoren aber eine weitere Erhöhung der Strafzinsen.

(rtr) „Abwärtsrisiken", „Umkehrzins" oder "Forward Guidance": Für so manchen Bürger aus den 19 Euro-Ländern erscheint die Sprache der Europäischen Zentralbank (EZB) so undurchdringlich und abgehoben, dass sie glatt von einem anderen Planeten stammen könnte. Doch unter der neuen Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde, die seit November im Amt ist, soll sich vieles ändern. Mit einer Serie von Bürger-Veranstaltungen in diesem Jahr will die EZB den direkten Kontakt zu den Menschen auf der Straße suchen und von ihnen erfahren, was sie über die Inflation und die Geldplitik der Notenbank denken. Von Kirchenvertretern bis hin zu Studenten sollen die unterschiedlichsten gesellschaflichen Gruppen einbezogen werden.

Als Vorbild dient den Euro-Wächtern die US-Notenbank Fed, die bereits seit geraumer Zeit auf sogenannten „Fed Listens"-Versammlungen (übersetzt: Die Fed hört zu) das Ohr am Puls der Amerikaner hat und dort wichtige Erkenntnisse etwa zum Arbeitsmarkt oder zur Lohnentwicklung erhält. Der Startschuss soll Insidern zufolge am 26. März mit einer Veranstaltung in Brüssel fallen. Jede der 19 nationalen Euro-Notenbanken soll bis zum Sommer mindestens ein derartiges Ereignis organisieren. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab.

Die Veranstaltungsreihe ist Teil der laufenden großangelegten Strategieüberprüfung der EZB, in deren Zentrum ihr Inflationsziel von unter, aber nahe zwei Prozent steht - die wichtigste Richtgröße für die Sicherung der Geldwertstabilität. Zu den öffentlichen Veranstaltungen sollen unter anderem Unternehmer, Wissenschaftler, Pensionäre, Studenten und auch Priester eingeladen werden. Die EZB will nicht nur ihre Ansichten zur Inflation sondern ihre Meinung zu einer ganzen Bandbreite von Themen erfahren – vom Klimaschutz bis hin zu digitalen Währungen. Die Veranstaltungen sind ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Notenbank unter ihrer neuen Präsidentin in der Außendarstellung wandeln will. Ihr Vorgänger Mario Draghi hatte sich noch im Oktober eher reserviert zu der Idee geäußert, dass die EZB statt wie bisher vor allem mit der Finanzwelt auch direkt mit der breiten Bevölkerung kommuniziert. „Man muss da vorsichtig sein, denn sobald man die Zielgruppe ändert, ändert man auch seine Sprache und man betritt prompt einen anderen Bereich: den Bereich der Politik," warnte er.

Das Umdenken unter Lagarde könnte damit zusammenhängen, dass die EZB damit konfrontiert ist, dass die Wahrnehmung der Inflation in der Bevölkerung zum Teil stark von der offiziell gemessenen Teuerungsrate abweicht. Die ehemalige französische Finanzministerin hat bereits eingeräumt, dass hierin ein Problem liegt. Die Haushalte schätzen die Inflation häufig deutlich höher ein. Dies könnte daran liegen, dass im aktuellen Verbraucherpreisindex des europäischen Statistikamts Eurostat die Kosten für das Wohnen nicht angemessen berücksichtigt werden.

Jenseits der Strategiedebatte mehren sich die Anzeichen, dass die EZB ihre Geldpolitik weiter lockert. Investoren spekulieren wegen des Coronavirus immer mehr auf eine Zinssenkung der EZB. Gegenwärtig liegt der Strafzinsatz, den Geschäftsbanken auf Guthaben bei der EZB zahlen müssen, bei minus 0,5 Prozent. Mit den Negativzinsen will die EZB Banken dazu bewegen, mehr Kredite an die Wirtschaft auszureichen.