Einzelhandel generiert erstmals mehr Umsatz mit Karten als mit Bargeld

Einzelhandel macht mehr Geld mit Karten : Der lange Abschied vom Bargeld

Der Einzelhandel generiert erstmals mehr Umsatz mit Karten als mit Scheinen und Münzen. Da die Kunden jedoch kleinere Beträge am liebsten bar bezahlen, bleibt in mehr als drei Vierteln aller Fälle die Karte stecken.

Dass alte Liebe sehr wohl Rost ansetzen kann, belegt eine neue Studie zum Zahlungsverhalten der Deutschen: Sie gaben 2018 erstmals der Kartenzahlung den Vortritt vorm Bezahlen mit Scheinen und Münzen, wie eine Untersuchung des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI  belegt. Demnach übertrafen die per Kartenzahlung erzielten Umsätze in klassischen Einzelhandelsgeschäften mit 48,6 Prozent den mit Bargeldzahlung in Höhe von 48,3 Prozent.

Auch wenn es sich nur um ein knappes Unentschieden handelt – die Entwicklung überrascht, gelten die Deutschen  im internationalen Vergleich als starke Verfechter von Münzen und Scheinen. Das hat auch etwas mit unterschiedlicher Sozialisation zu tun. In den USA mit einem viel ausgeprägten Kreditkartenwesen war es schon in den 90er-Jahren für Verbraucher selbstverständlich, für den Kauf einer Packung Kaugummis die Kreditkarte zu zücken. Im alten Europa blieben bei derartig kleinen  Transaktionen die Karten im Portemonnaie.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert: Je niedriger der Einkaufswert ausfällt, desto mehr scheuen die Deutschen die Kartenzahlung. Bei den Barzahlungen betrug der Einkaufswert im Schnitt 14,34 Euro, beim Sepa-Lastschriftverfahren (also der Zahlung mit Girokarte per Unterschrift) betrug er schon 40,26 Euro, bei der Zahlung mit Eingabe der Pin 41,45 Euro und bei der Kreditkarte im Schnitt 50,32 Euro.

Da die Deutschen häufiger kleinere Transaktionen durchführen, wäre es zu früh, dem Bargeld das Totenglöckchen zu läuten. Schaut man sich statt des Umsatzes nämlich die Zahl der Verkaufsvorgänge an, dann werden mehr als drei Viertel  aller Einkäufe immer noch mit Bargeld beglichen. Zudem gab erst jüngst bei einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands Bitkom mehr als die Hälfte der Bundesbürger an, sie könne sich nicht vorstellen, auf Münzen und Scheine zu verzichten.

Doch dass sich der Wind dreht, zeichnete sich schon etwas länger ab. Den letzten Schub dafür lieferte zuletzt die rasant wachsende Zahl von Bezahlterminals, an denen die Kunden kontaktlos ihre Geschäfte abwickeln können. Nach Angaben des EHI sind schon 81,4 Prozent der Kartenlesegeräte in der Lage, Zahlungen durch einfaches Kartenauflegen durchzuführen. Das geht bis zu Einkaufswerten von 25 Euro ganz ohne Pin, Einkäufe darüber müssen durch Eingabe der Geheimzahl vom Kunden autorisiert werden.

Andere Länder sind im Übrigen schon deutlich weiter, was die Abschaffung des Bargeldes anbelangt. Als Paradebeispiel gilt Schweden: Nach Angaben der dortigen Reichsbank ist seit 2013 der Wert der in Umlauf befindlichen Banknoten und Münzen um fast ein Drittel auf 58 Milliarden Schwedische Kronen (5,6 Milliarden Euro) gesunken. Dort steigt insbesondere die Bedeutung des Bezahlens mit dem Smartphone: Schon seit Jahren gibt es in Skandinavien beliebte Apps, mit denen man nicht nur im Supermarkt, sondern auch am Flohmarkt-Stand zahlen kann.

Was den einen freut, ist dem anderen ein Dorn im Auge. Leidtragende der Entwicklung dürften am Ende die deutschen Geld- und Wertdienste sein. Deren Bundesverband weist zwar darauf hin, dass Bargeld immer noch das kostengünstigste und effizienteste Zahlungsmittel sei. Und tatsächlich kostet nach einer Untersuchung der Bundesbank jede Zahlung mit Bargeld nur knapp 24 Cent, während mit der Girocard 33  und dem Sepa-Lastschriftverfahren 34 Cent anfallen. Kreditkartenzahlungen sind sogar noch deutlich teurer und schlagen bei Abfrage der Geheimnummer mit 97 Cent und bei der Unterschrift sogar mit 1,04 Euro zu Buche. Dennoch spüren auch die Geldtransport-Unternehmen inzwischen den Rückgang. Die Zahl der gepanzerten Fahrzeuge ist seit 2015 um 6,5 Prozent auf knapp 2400 zurückgegangen. Nach sieben Jahren mit Umsatzwachstum musste die Branche 2017 einen leichten Rückgang hinnehmen.

Denn auch wenn das Bargeld günstiger ist und sich nach Angaben der Bundesbank das Bezahlen damit deutlich schneller abwickeln lässt – 22,3 Sekunden  im Vergleich zu 29,4 Sekunden mit Karte und Pin –, bereiten sich die Händler zunehmend auf die neue digitale Welt vor. Denn mit dem kontaktlosen Bezahlen wird auch dieser Zeitvorteil zugunsten des Bargeldes schrumpfen. Und Zeit, die mit dem Bezahlen vertrödelt wird, ist aus Sicht der Handelsunternehmen Geld.

Noch müssen die Deutschen mit dem kontaktlose Bezahlen warm werden. Trotz der weiten Verbreitung der Terminals nutzte nach einer Übersicht der Deutschen Kreditwirtschaft nur jeder Zehnte bis Ende 2018 das neue Verfahren. Der Verband glaubt jedoch, dass es dank seiner Schnelligkeit vor allem neue Händlergruppen erschließen könnte: Konkret nennt die Kreditwirtschaft Bäckereien, in denen bislang ausschließlich bar gezahlt werden konnte. Hinzu kommt die Vending-Branche: also Betreiber von Getränke-, Snack- oder Ticket-Automaten.

Viel Argumentationsstoff also für hiesige Bargeldgegner. Auch in Großbritannien wird derzeit hitzig über das Thema gestritten. Ursprünglich hatte die dortige Regierung geplant, Penny- und Zwei-Pence-Münzen und den 50-Pfund-Schein abzuschaffen. Am vergangenen Freitag ruderte Finanzminister Philip Hammond dann zurück. „Die Technologie hat das Bankwesen für Millionen von Menschen verändert, wodurch es einfacher und schneller geworden ist, Finanztransaktionen durchzuführen und Dienstleistungen zu bezahlen“, ließ Hammond  in einer Erklärung verbreiten. „Es ist aber auch klar, dass viele Menschen immer noch auf Bargeld angewiesen sind. Und ich möchte, dass die Öffentlichkeit die Wahl hat, wie sie ihr Geld ausgibt.“ Auch der Mehrheit der Bundesbürger dürfte der britische Minister damit aus dem Herzen gesprochen haben.

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