Energiewende in Deutschland: Die Öko-Strom-Verlierer

Energiewende in Deutschland : Die Öko-Strom-Verlierer

Die Sonnenkraft produziert in Deutschland Gewinner und Verlierer: Wohlhabende Bürger können die fetten Fördertöpfe besser anzapfen als arme, südliche Bundesländer besser als der Norden. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) war eine Wut-Geburt.

Bevor Rot-Grün am 1. April 2000 im Bundestag die Weichen für die wohl teuerste Fehlentwicklung der deutschen Energiegeschichte stellte, hatten frustrierte Windrad-Tüftler jahrelang gegen die Türen der Parlamentarier getrommelt und faire Preise für ihren Öko-Strom verlangt.

Schließlich schlichteten der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und sein Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den Dauer-Krach per Gesetz. Wer Öko-Strom ins Netz einspeist, bekommt seither für jede Kilowattstunde einen festen Förderbetrag. Bezahlt wird die Vergütung von allen Stromkunden — per Zuschlag auf die Stromrechnung.

Über 17 Milliarden Euro pro Jahr

Gedacht als Anschubfinanzierung für neue Techniken wie die Photovoltaik, wuchs das EEG in den folgenden zwölf Jahren zu einem kaum noch beherrschbaren Subventions-Monster heran. Inzwischen verteilt das EEG über 17 Milliarden Euro pro Jahr, und entsprechend hart wird darum gekämpft. Das erklärt die heftigen Reaktionen auf die Kritik von Garrelt Duin (SPD) am EEG, die der NRW-Wirtschaftsminister gestern in unserer Zeitung geäußert hat.

Und das Monster wächst weiter: Die großzügigen Einspeisevergütungen vor allem für Solarstrom haben inzwischen 1,1 Millionen bläulich schimmernde Photovoltaik-Anlagen auf die deutschen Dächer gebracht. Jede neue Anlage hat Anspruch auf 20 Jahre Förderung. Laut Rheinisch-Westfälischem Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) werden allein die 2011 angeschlossenen Photovoltaikanlagen die Stromkunden in den kommenden 20 Jahren mit 18 Milliarden Euro Förderkosten belasten.

Die Förderung war trotz mehrfacher Kürzungen immer noch so üppig, dass sich die Zahl der Anlagen in den Jahren 2008 bis 2010 mehrfach verdoppelt hat. Trotz der jüngsten Kürzung im März entstehen in Deutschland immer noch rechnerisch 2500 neue Anlagen pro Tag. Jede davon bedeutet für die deutschen Verbraucher eine neue Zahlungsverpflichtung. Laut RWI liegt der Gesamtanspruch der deutschen Solaranlagenbesitzer inzwischen bei 100 Milliarden Euro.

Sozial ist die Förderung ungerecht

Und wer bezahlt den Boom? Wie immer bei Umlagen ist die Antwort einfach: jeder. Derzeit liegt der EEG-Zuschlag auf den Preis für eine Kilowattstunde Strom bei 3,6 Cent — das bedeutet für einen Durchschnittshaushalt EEG-Kosten von rund 200 Euro im Jahr. Vor drei Jahren war der EEG-Anteil an der Stromrechnung noch halb so groß, im kommenden Jahr wird der Solar-Boom sie nach diversen Schätzungen auf über fünf Cent peitschen.

Politisch noch brisanter ist allerdings die Frage nach den Profiteuren der aus dem Ruder gelaufenen Förderung. Denn während zwar alle gleichermaßen einzahlen müssen, haben längst nicht alle Bürger die gleichen Chancen, sich ein Stück von dem fragwürdigen Förderkuchen abzuschneiden. "Bei der Solarstromförderung ist eine große soziale und eine große regionale Ungerechtigkeit zu beklagen", sagt RWI-Experte Manuel Frondel.

Sozial sei die Förderung ungerecht, weil faktisch nur Wohlhabende die Chance haben, in eine Solaranlage zu investieren. "Ein Mieter wird sich wohl kaum eine Solaranlage aufs Dach stellen", stellt Frondel fest. Für betuchte Zeitgenossen mit ein paar Tausend Euro auf der hohen Kante ist die Investition in die Module dank der staatlich garantierten Förderung hingegen eine ebenso sichere wie lukrative Anlage — zumal in Zeiten ansonsten magerer Zinsen. Nicht zufällig stehen die meisten Anlagen auf Einfamilien-Eigenheimen.

Hinzu kommt, dass die Anlagen im sonnenverwöhnten Bayern genauso großzügig gefördert werden wie die im regenreichen NRW. Deshalb lohnt sich die Investition dort viel mehr — weshalb dort auch erheblich mehr Anlagen stehen als in NRW. Frondel warnt: "Sowohl die Ungerechtigkeiten als auch die Geldsummen sind so groß geworden, dass das EEG inzwischen zu einer Gefahr für die Akzeptanz der ganzen Energiewende geworden ist."

(RP/sap)