Chef der Deutschen Energie-Agentur: "Die Bürger könnten viel mehr Strom sparen"

Chef der Deutschen Energie-Agentur : "Die Bürger könnten viel mehr Strom sparen"

Stephan Kohler, der Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), spricht im Interview über die Energiewende und deren Kosten für die Kunde.

Die Bundesländer blockieren im Bundesrat weiter die Kürzung der Solarförderung, weil sie neue Pleiten deutscher Solarfirmen befürchten. Zu Recht?

Kohler Nein, die Bundesländer liegen falsch mit ihrer Blockade. Die Kürzung der Solarförderung ist dringend nötig, um die Kosten für die Stromverbraucher zu begrenzen. Die deutschen Solarfirmen brechen nicht deshalb zusammen, weil die Solarförderung zurückgefahren wird. Das ist eine Mär, die die Solarbranche verbreitet und die die Politik nicht glauben sollte. Die Firmen brechen zusammen, weil die Chinesen die Solarmodule kostengünstiger herstellen beziehungsweise billiger auf dem deutschen Markt anbieten. China ist, wie in anderen Bereichen auch, in der Massenproduktion einfach besser, das müssen wir begreifen.

Wie retten wir unsere Solarbranche?

Kohler Unsere Stärke liegt in den Innovationen — zum Beispiel in der Systemtechnik: Wir müssen uns darum kümmern, wie die Stromnachfrage optimal an die Solarstromproduktion angepasst werden kann, mit intelligenter Steuerung der Netze und mit innovativen Speicherkonzepten. Zum Beispiel brauchen wir Waschmaschinen, die sich in dem Moment selbst einschalten, wenn die Sonne scheint und mehr Solarstrom vorhanden ist.

Wie wird sich der Strompreis für die Verbraucher in Deutschland entwickeln?

Kohler Wir werden nicht vermeiden können, dass der Strompreis weiter ansteigt. Wir sagen einen energiewendebedingten Anstieg um 20 bis 25 Prozent bis zum Jahr 2020 voraus. Dazu kommen aber auch noch Preissteigerungen von den Energiemärkten, bedingt durch die steigende Nachfrage nach Öl, Gas und Kohle in anderen Weltregionen.

Was können die Verbraucher tun, um diesen Anstieg zu verkraften?

Kohler Wir predigen den Verbrauchern und der Politik, viel mehr auf Energieeffizienz zu setzen. Das Bewusstsein für das Energiesparen ist bei den Bürgern nach wie vor unterentwickelt. Die Leute kaufen zum Beispiel in Massen große Flachbildfernseher, aber keiner fragt danach, wie viel Strom sein Wunschgerät eigentlich verbraucht. Das sind oftmals große Stromfresser! Wir beraten deshalb die Verkäuferinnen und Verkäufer im Handel, damit sie ihre Kunden gut beraten können.

Wie viel Strom lässt sich denn im Normalfall sparen?

Kohler Ein durchschnittlicher Haushalt könnte seinen jährlichen Stromverbrauch um 20 bis 25 Prozent senken. Wem dies gelingt, der wird unter dem drohenden Strompreisanstieg nicht leiden. Wer sich zum Beispiel einen neuen Kühlschrank kauft, weil sein alter ausgedient hat, sollte auf hocheffiziente Geräte der Güteklasse A+++ setzen. Die Investition rentiert sich, denn mit einem solchen Kühlschrank senkt man seine jährlichen Stromkosten um rund 40 Euro gegenüber herkömmlichen Geräten.

Wie sollen sich einkommensschwache Haushalte die Umrüstung auf solche energieeffizienten Geräte leisten können?

Kohler Wir müssen einkommensschwächere Haushalte in die Lage versetzen, sich auch hocheffiziente Geräte leisten zu können. Es gibt bereits Kleinkreditprogramme für einkommensschwache Haushalte, die z.B. von Stadtwerken oder anderen Marktakteuren angeboten werden können. Wir müssen die Energieeffizienzmärkte über innovative Angebote für die Verbraucher erschließen und nicht über die Subvention von Stromtarifen diskutieren. Ich wünsche mir, dass die Energieversorger Verbrauchern günstigere Tarife oder Boni anbieten, die effizientere Geräte kaufen.

Birgit Marschall führte das Gespräch.

(RP/das)