Konjunkturbericht: Deutsche Wirtschaft verliert an Schwung

Konjunkturbericht : Deutsche Wirtschaft verliert an Schwung

Rückschlag für die deutsche Wirtschaft: Zwischen April und Juni dürfte das Wachstum etwas niedriger ausgefallen sein als noch im ersten Quartal, teilte das Bundesfinanzministerium am Freitag in seinem aktuellen Monatsbericht in Berlin mit.

Darauf deuteten aktuelle Konjunkturindikatoren hin. In den ersten drei Monaten des Jahres war das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal um 0,5 Prozent gestiegen. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger geht davon aus, dass die Eurokrise Deutschland noch härter treffen wird.

Indikatoren wie die abgeschwächte Industrieproduktion und ein gesunkener Ifo-Geschäftsklimaindex deuteten "auf eine moderate Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im weiteren Jahresverlauf hin", schrieben die Experten des Ministeriums. Die Unsicherheiten wegen der Bewältigung der europäischen Staatsschuldenkrise erschwerten allerdings eine verlässliche Einschätzung.

Wachstumsimpulse im zweiten Quartal kamen laut dem Bericht vor allem vom Konsum der Verbraucher hierzulande. Die Inlandsnachfrage wirke stabilisierend. "Sie ist die wichtigste Stütze des Wirtschaftswachstums in Deutschland", schrieben die Fachleute.

Bofinger: "Der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht"

Die Konjunkturschwäche im Euroraum wird nach Ansicht Bofingers zunehmend auch die deutsche Wirtschaft belasten. "Der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht", sagte der Volkswirt im Gespräch mit der dapd.

Bofinger stellt die strikte Sparpolitik in der Eurozone infrage. "Die Problemländer sollten so lange mit der Umsetzung neuer Sparmaßnahmen warten, bis ihre Wirtschaft wieder aus der Rezession heraus ist", sagte Bofinger. Der Berater der Bundesregierung wies daraufhin, dass die Neuverschuldung im Euroraum "insgesamt nach wie vor erheblich geringer als in den USA, Großbritannien und Japan" sei.

Der Ökonom plädiert dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB)
trotz des historischen Tiefs die Zinsen noch weiter verringert, "um die Konjunktur anzukurbeln und die Banken zu stabilisieren". Anfang Juli hatte die EZB den Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken Geld von der Zentralbank leihen, um 0,25 Punkte auf 0,75 Prozent gesenkt. Der private Konsum sei in Deutschland nach wie vor relativ schwach.

Auf dem Arbeitsmarkt sieht der Volkswirt eine Trendwende. "Wegen der demografischen Entwicklung haben wir zwar weiterhin eine Entlastung", sagte der Volkswirtschaftsprofessor der Universität Würzburg. "Die Arbeitslosigkeit wird aber wieder anziehen." Auch die konjunkturelle Besserung, die verschiedene Forschungsinstitute für kommendes Jahr prognostizieren, sieht er nicht und verweist auf die schrumpfenden Auftragsbestände der deutschen Unternehmen.

Steuereinnahmen gestiegen

Die gute Lage am Arbeitsmarkt beschert dem deutschen Fiskus volle Kassen. Die Steuereinnahmen von Bund und Ländern erreichten im ersten Halbjahr 268,2 Milliarden Euro und lagen damit 4,4 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, wie das Bundesfinanzministerium am Freitag mitteilte.
Zudem entlastet das niedrige Zinsniveau den Bundeshaushalt - allein in den ersten sechs Monaten um rund eine Milliarde Euro.
Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) muss deshalb für das gesamte Jahr wohl weniger neue Schulden aufnehmen als die geplanten 32,1 Milliarden Euro. "Das wird niedriger sein", sagte der Finanzexperte des Essener RWI-Instituts, Heinz Gebhardt, der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Ausgaben des Bundes sanken im ersten Halbjahr um 1,5 Prozent auf 148 Milliarden Euro. Dabei gingen die Kosten für den Arbeitsmarkt um 2,4 Milliarden Euro zurück. Seit Jahresanfang profitiert der Bund auch von wachsender Unsicherheit der Anleger wegen der Schuldenkrise und kann sich günstiger Geld leihen.

Hier geht es zur Infostrecke: Das Lexikon der Euro-Krise

(APD/RTR)